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Der Horrorklassiker: Das Cabinet des Dr. Caligari

Wie sahen Gruselfilme vor 100 Jahren aus? Was bereitete den Menschen damals Angst? Wovor fürchteten sie sich?

Um diese Fragen zu klären, wollen wir euch heute einen fast 100 Jahre alten deutschen Gruselfilm vorstellen, anhand dessen man sieht, was die Zuschauer damals ängstigte. Es ist ein Stummfilm aus dem Horrorgenre, welcher 1920 veröffentlicht wurde. Der Film wurde in sechs Akte eingeteilt. Die Einteilung in Akte kennen wir heutzutage nur noch aus dem Theater, jedoch nicht mehr aus der Filmbranche. Der Film soll in Holstenwall spielen, einem Ortsteil in Hamburg.

Das Cabinet des Dr. Caligari

Der Film fängt damit an, dass sich zwei Männer auf einer Gartenbank über paranormale Phänomene unterhalten. Der jüngere der beiden Männer erzählt, dass er eine schreckliche Geschichte erlebt habe. Der Film blendet zurück:

Er war mit seinem Freund Alan auf einem Jahrmarkt, wo ein Schlafwandler auftreten soll, der die Zukunft voraussagen kann.

Zwischenschnitte zeigen, wie ein alter Mann – Dr. Caligari – bei der Stadtverwaltung die Erlaubnis erwirken möchte, auf dem Jahrmarkt einen Somnambulen (Schlafwandler) vorzuführen. Der übel gelaunte Stadtsekretär verärgert Caligari, lässt ihn endlos warten und verweist ihn schließlich an einen anderen Beamten. Der erlaubt die Schaustellung. In der Nacht wird der Stadtsekretär in seinem Bett erstochen. Vom Täter fehlt jede Spur.

Die beiden Freunde besuchen das Volksfest und stehen bald vor der Bude des Dr. Caligari. Dieser preist „Cesare, den Somnambulen“ an. Vor den Augen des Publikums wird er aus seiner Todesstarre erwachen! Neugierig geworden betreten Franzis und Alan das „Cabinet des Dr. Caligari“ und erleben, wie der „Somnambule“ erwacht. Da er „die Zukunft kennt“, fragt Alan, wie lange er leben werde. Antwort: „Bis zum Morgengrauen!“

Dr. Caligari wirbt auf dem Jahrmarkt für seine Show mit dem Somnambulen – Szene aus dem Stummfilm

Nacht. Alan schläft. Da taucht eine schattenhaft erkennbare Gestalt auf und bringt Alan um.

Franzis erfährt, dass Alan in der Nacht erstochen wurde. Er erinnert sich an die Prophezeiung des Somnambulen und verständigt die Polizei. Caligari lässt daher einer Untersuchung über sich ergehen. Währenddessen schleicht durch die nachtdunklen Gassen von Holstenwall ein verdächtiger Mann. Er will in ein Haus eindringen, wird aber von Passanten überwältigt. Man ist überzeugt, mit diesem Mann den Doppelmörder bei seinem dritten Mordversuch gefasst zu haben. Die Untersuchungen von Caligari werden abgebrochen.

In der Nacht schleicht sich Franzis zu Caligaris Wohnwagen. Durch das Fenster beobachtet er den dösenden Caligari und den in seiner Kiste schlafenden Somnambule Cesare. Zur gleichen Zeit aber dringt Cesare in das Schlafzimmer der Freundin von Franzis ein. Er will sie erdolchen, doch ihre Schönheit ändert seine Meinung, so dass er sie entführen möchte. Ihr Schreien weckt die anderen Bewohner im Haus. Der Täter entkommt unerkannt.

Der Somnambule Cesare versucht die Freundin von Franzis umzubringen – Szene aus dem Stummfilm

Franzis Freundin behauptet, Cesare habe sie überfallen, doch Franzis, eben vom Wohnwagen zurückgekehrt, beteuert, das könne nicht sein, da er die ganze Nacht den Somnambulen beobachtet habe.

Daraufhin dringt Franzis mit der Polizei in den Wohnwagen von Caligari ein: In der Kiste des Somnambulen liegt nur eine Puppe! Dr. Caligari flieht und Franzis verfolgt ihn. Die Flucht endet an einer Irrenanstalt. Entsetzt erkennt Franzis in dem Direktor der Anstalt den Caligari. Während Caligari ahnungslos in seiner Villa schläft, durchsucht Franzis mit anderen Ärzten das Direktorenzimmer. Sie finden ein altes Werk über Somnambulismus – „Sein Spezialgebiet“, wie einer der Ärzte bemerkt. Es enthält einen Aufsatz mit dem Titel: „Das Cabinet des Dr. Caligari“: Ein gleichnamiger „Mystiker“ hielt im Jahre 1703 die kleinen Städte Oberitaliens in Panik. Er veranlasste einen Somnambulen namens Cesare, den er vollständig unter seinen Willen gezwungen hatte, zu einer Serie von Morden. Durch eine dem Cesare getreu nachgebildete Puppe, die während dessen Abwesenheit im Kasten lag, verstand er es, jeden Verdacht von sich zu weisen.

Dr. Caligari und der Somnambule Cesare – Szene aus dem Stummfilm

Außerdem findet man im Büro ein Manuskript: „Mein Tagebuch“. Es beginnt: „Endlich … endlich! Heute meldete man die Einlieferung eines Somnambulen.“ In Rückblende zeigt der Film, wie sich dem Direktor durch diese Einweisung die lang ersehnte Möglichkeit bietet, den „unerbittlichen Drang“ seines Lebens zu erfüllen: das psychiatrische Geheimnis jenes Dr. Caligari zu lösen. Zu ergründen, ob es wahr sei, „dass ein Somnambuler zu Handlungen gezwungen werden kann, die er im wachen Zustand niemals begehen, die er verabscheuen würde…“, sogar zu einem Mord.

Der Film blendet nun wieder auf die erste Szene zurück. Auf der Gartenbank schließt Franzis seine Erzählung ab. Beide Männer entfernen sich und geraten auf den Hof der Irrenanstalt. Plötzlich erscheint der Direktor der Anstalt. Franzis erkennt Caligari und stürzt sich auf ihn. Doch die Pfleger werfen sich auf Franzis, überwältigen ihn und schließen ihn in eine Zelle.

Quellen:

Die Schlaftänzerin Magdeleine Guipet

1902. Die gebürtige Georgierin Magdeleine Guipet leidet unter starken Kopfschmerzen und unterzieht sich deshalb in Paris bei einem Professor namens Emile Magnin einer Hypnose-Therapie gegen Migräne. Unter Hypnose stellt sich heraus, das Guipet besonders empfänglich für den Klang von Klaviermusik ist und Stimmen hört, die sie dazu bringen, dramatische Bewegungen und Gesten zu machen, obwohl sie beteuerte niemals Tanzunterricht genommen zu haben.

Das enorme kreative Potential des Unterbewusstseins während einer Hypnose im Allgemeinen und im Besonderen das der Magdeleine Guipet erregte die Aufmerksamkeit der europäischen Mediziner zu damaliger Zeit. 1904 reisten Guipet und ihr Arzt nach München, um ihren Schlaftanz dortigen Ärzten, Künstlern, Schriftstellern und Journalisten im Schauspielhaus vorzuführen. Die Begeisterung stieg abermals. Bald folgte für Magdeleine Guipet und Magnin eine sechsmonatige Tour durch Opernhäuser und Theater unter anderem in Wien, Berlin, Paris und London. Dabei kamen sie auch nach Dresden, wo selbst Karl May eine ihrer Vorstellungen besuchte. Nach einer Vorstellung beschrieb Theaterfachmann Freiherr Julius von Werther, früherer Intendant des Stuttgarter Hoftheaters, die Inszenierung und die Hypnose der Guipet folgendermaßen:
„[…] Magdeleine G[uipet], wurde von einem  Magnetiseur, namens Magnin, vorgeführt […] [und] wurde stehend von dem Magnetiseur eingeschläfert und sank in einen Lehnstuhl. Zwei Ärzte bestätigten den eingetretenen somnambulen  [= schlafwandlerischen] Zustand. Da ertönt Musik hinter einem Vorhang […]. Alsbald erhebt sich Magdeleine aus ihrem Lehnstuhle und begleitet mit Armen und Beinen wie mit lebhaften Gesichtsausdrücken diese Töne. […] Augenblicklich erfasst der Körper Magdeleines die gewaltige Tragik der großen Akkorde […]. Mehr und mehr steigert sich die Pantomime des Schmerzes, laute unartikulierte Klagetöne, die indes die Noten Chopins völlig treffen, stößt die Somnambule [= Schlafwandlerin] aus. Sie wirft sich voll unsäglichen Leides, das sich auf  ihren Gesichtszügen malt, auf den Boden und erstarrt plötzlich, als die Musik auf dem Piano abbricht, in ihrer letzen Pantomime wie leblos. […] die Somnambule wird durch den Magnetiseur wieder in ihren wachen Zustand versetzt und abgeführt.“

Viele Künstler waren von der Magdeleine Guipet ergriffen und malten, wie auch fotografierten sie. Auf den Fotos tanzt Magdeleine Guipet unter Hypnose. Manchmal findet man die Tänzerin auch unter dem leicht veränderten Namen Madeleine Guipet.