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Das Orakel von Delitzsch

Wir müssen gar nicht immer zurück in die Vergangenheit oder in die Ferne schweifen, um interessante Gruselfakten zu finden. Diesmal schauen wir uns eine Dame in Delitzsch genauer an. Delitzsch liegt ungefähr 25 km nördlich von Leipzig in Sachsen. Dort ist das „Orakel von Delitzsch“ ansässig.

Wer ist das Orakel von Delitzsch?

In den Medien wird Birgit Vildebrand als „Das Orakel von Delitzsch“, sowie als bekannteste Wahrsagerin Ostdeutschlands betitelt. Laut ihrer Website wurde sie 1960 in Sachsen geboren und ist gelernte Krankenschwester. Angeblich hat sie ihre hellseherischen Fähigkeiten schon im Kindesalter bemerkt. Mittlerweile wurde sie mehrmals von der BILD und von dem MDR interviewt und war in mehreren Talk Shows. Sie berät vor allem gegen Gebühr am Telefon, denn seit 1992 ist sie als selbstständige Wahrsagerin tätig. Bekannt wurde Birgit Vildebrand auch durch ihr BILD-Interview indem sie mit ihren Wahrsager-Kollegen „abrechnet“ und erklärt, was für Techniken benutzt werden, um den Kunden lange am Telefon zu lassen, so dass dieser ordentlich pro Minute an Gebühren zahlen muss.

Screenshot Website Wahrsagerin Birgit Vildebrand

Screenshot der Website von der Wahrsagerin Birgit Vildebrand – 2016

Was sagt die GWUP dazu und wer ist die GWUP überhaupt?

Die GWUP ist die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.“. Die GWUP beschreibt sich als Zusammenschluss von Wissenschaftlern aller Richtungen und wissenschaftlich Interessierten, deren gemeinsame Überzeugung es ist, dass Wissenschaft und kritisches Denken für die Gesellschaft sehr wichtig sind. Kurz gesagt sind es Skeptiker. Daher untersuchen sie seit 1987 Parawissenschaften, wie zum Beispiel das Hellsehen beziehungsweise die Wahrsagerei.

In ihrem Blog beschreibt die GWUP, dass es eine typische Masche ist, andere der Scharlatanerie zu bezichtigen, um sich besser und authentischer darzustellen. Die GWUP geht auch kritisch mit dem BILD-Artikel um, da in dem ganzen Interview nicht darüber aufgeklärt wird, was denn genau Birgit Vildebrand seriöser und „authentischer“ machen soll als ihre Kollegen/innen.

Wahrsager, so die GWUP in einem anderen Blog Beitrag, halten sich schon für seriös, wenn sie einen Gewerbeschein haben. Doch wie macht das ihre Arbeit seriös? Sagen sie dadurch automatisch die Wahrheit? Um dies zu testen, müssten die selbsternannten Hellseher/innen sich einem wissenschaftlichen Test unterziehen. Möglich wären dazu die Psi-Tests der GWUP. Das sind Tests bei denen die Kandidaten bei der Ausführung ihrer Gabe wissenschaftlich untersucht werden. Das Preisgeld wurde bisher noch nie ausgezahlt.

Kritisch hinterfragen – zum Schluss muss jedoch jeder für sich entscheiden

Zu allerletzt bleibt natürlich, dass jeder für sich entscheiden muss, ob er glaubt oder nicht. Eine kritische Hinterfragung schützt sicherlich vor Schwindlern. Erfahrungen kann aber nur jeder selbst machen. Ein Blick in die Zukunft verlockt schon, kann aber auch gleichermaßen Angst machen. Wenn ihr mögt, dann schreibt uns doch eure Erfahrungen. Wir sind gespannt und offen für Anregungen.

Quellen:

Alois Irlmaier: Ein bayrischer Hellseher?

Alois Irlmaier wurde am 8. Juni 1894 in Oberbayern geboren und verstarb am 26. Juli 1959 in Freilassing. Er galt als Rutengänger und Hellseher und wird noch heute in esoterischen Kreisen als einer der treffsichersten Weissager bezeichnet.

Wer war dieser bayrische Hellseher?

Aufgewachsen ist Alois Irlmaier in einer Bauernfamilie. Im Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1916 wurde er als Soldat eingezogen. 1920 heiratete er Maria Schießlinger und zog mit ihr vier Kinder auf, wovon ein Kind ein Ziehsohn war. Ebenfalls 1920 übernahm er den Hof des Vaters. Im Jahre 1928 fing er an, als selbstständiger Brunnenbauer zu arbeiten. Ebenso erlebte er in diesem Jahr seine ersten „seherischen Visionen“. Ab 1939 bekam Alois Irlmaier zusehends Besuch von Menschen, welche von seinen seherischen Fähigkeiten gehört hatten und um Rat und Auskunft baten. Er baute sich dafür eine Bauhütte, um dort seine seherischen Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen, da so viele Menschen am Wochenende um Rat baten und auf seinem Grundstück Schlange standen. Diese Leistung waren angeblich kostenlos und freiwillig.

Was soll Irlmaier vorausgesagt haben?

Vor allem auf esoterischen Webseiten wird Irlmaier noch heute für seine hellseherische Gabe gelobt und es werden viele Beispiele für seine Fähigkeit angebracht. Leider können diese von unserer Seite nicht verifiziert werden. Dennoch sollen hier einige Beispiele genannt werden.

Er soll während des 2. Weltkrieges vorhergesehen haben, wo Bomben einschlagen werden und die Bewohner gewarnt haben, so dass diese sich in Sicherheit bringen konnten. Außerdem habe er die Orte benannt haben, wo sich vermisste Soldaten aufhalten sollten.

Er soll auch den 3. Weltkrieg vorausgesehen haben, sowie einzelne technische Innovationen unserer heutigen Zeit, wie Drohnen oder Smartphones.

Irlmaier hätte wohl Folgendes gesagt: „Aus dem Sande der Wüste Afrikas steigen die großen Vögel auf mit Todeseiern ohne Männer“. Esoterische Kreise behaupten, damit meine Irlmaier Drohnen, wobei große Vögel anscheinend kleine Flugzeuge ohne Piloten sind.

Folgende Voraussagen hätte Irlmaier gemacht und damit Smartphones beschreiben: „Ich sehe sie ein kleines kantiges Ding in den Händen halten, das ihnen Auskunft gibt über alles, was sie wissen wollen“.

War Irlmaier ein Hellseher? Oder einfach nur ein guter Schwindler?

1947 wurde Irlmaier, der zu jenem Zeitpunkt 15-fach vorbestraft war (7x wegen Betruges und 8x wegen Zahlungsschwierigkeiten) vor dem Amtsgericht in Laufen von einem Pfarrer wegen Betrugs und Gaukelei angeklagt. Im Verfahren bekundeten zwei Zeugen, Irlmaiers widersprüchlichen Prophezeiungen von vornherein keinen Glauben geschenkt zu haben. Fünf andere Zeugen sagten aus, Irlmaiers Deutung sei korrekt gewesen. Der Tatbestand der Gaukelei war nach Ansicht des Gerichts nicht erfüllt, weil es keinen Hinweis darauf gab, das er ein Gaukler sei. Irlmaier wurde von der Anklage eines Verbrechens des Betruges im Rückfalle freigesprochen.

Des Hellsehers Fähigkeiten: Alles nur Übungssache, gute Rhetorik und eine faszinierende Menschenkenntnis?

Um als angeblicher Hellseher ernst genommen zu werden, muss man vor allem eine gute Menschenkenntnis besitzen und die Kunst kennen, so zu reden, dass sein Gegenüber den Eindruck gewinnt, man hätte konkretes Wissen über sein Leben, obwohl das nicht der Fall ist. Das wird auch „Cold Reading“ genannt. Es ist ursprünglich der von professionellen Zauberkünstlern  verwendete Fachausdruck für verschiedene Techniken, in Interviewartigen Situationen ohne wirkliches Wissen über den Gesprächspartner bei diesem den Eindruck eines vorhandenen Wissens zu erwecken. In neuerer Zeit wird der Begriff auch für entsprechende Praktiken bei Wahrsagern und anderen „Lebensberatern“ sowie in Vernehmungen oder bei Verkaufsgesprächen gebraucht.

Es muss auch immer beachtet werden, in welcher Zeit der Hellseher seine angebliche „Gabe“ entwickelt. Bei Irlmaier war es die Zeit nach dem 1. bis hin zum 2. Weltkrieg. Eine Zeit in der die Menschen Angst hatten und Not leideten. Viele hatten einen geliebten Menschen verloren und sehnten sich danach ihm noch einige letzte Worte zu sagen, Abschied zu nehmen. Eine Zeit in der Menschen offen für Medien mit übersinnlichen Fähigkeiten waren, weil sie ihnen halfen, über ihren Schmerz hinwegzukommen, indem sie -beispielsweise wie Irlmaier- den Aufenthaltsort des Vermissten nannten. Der geliebte Mensch lebt also noch! Wer möchte daran nicht festhalten und glauben? Es war eine Zeit in der viele angebliche Hellseher wie Pilze aus dem Boden schossen.

Außerdem ist es natürlich so, dass ein Medium viele Voraussagen trifft. Wenn einige davon eintreffen, ist es Zufall, wird aber von den Personen selber als ernstzunehmende Zukunftsvoraussage propagiert. Über die falschen Voraussagen wird nicht gesprochen.

Auch mehrdeutige, ja gar schwammige Voraussagen werden getroffen. Woher wissen wir denn, dass Irlmaier mit seinem Satz „Aus dem Sande der Wüste Afrikas steigen die großen Vögel auf mit Todeseiern ohne Männer“ wirklich unbemannte Drohnen meinte, wie es heute auf den esoterischen Webseiten erläutert wird? In solche Sätze können viele Aussagen hineininterpretiert werden.

War Irlmaier von seinen Fähigkeiten wirklich überzeugt?

Es gibt auch Wahrsager, die das gar nicht mit Vorsatz machen und gemeinsam mit ihren Kunden auf ihr eigenes unbewusstes „Cold Reading“ reinfallen und selber an ihre “übersinnlichen Fähigkeiten” glauben.

Auch wenn seine hellseherischen Voraussagen kostenlos angeboten wurden, so ist nicht gesagt, dass er nicht doch (Geld-) Geschenke als Dankeschön angenommen hat. Gerade weil er ja auch in finanziellen Schwierigkeiten war.

Ob Irlmaier nun ein Betrüger war oder selber an seine Fähigkeiten glaubte, können wir heute nicht mehr sagen.

Alois Irlmaier

Alois Irlmaier beim Suchen nach Wasseradern mit Draht, ca. 1950

Alois Irlmaier2

Alois Irlmaier, ca. 1950

Quellen:

Kriminaltelepathie: Der Fall des Bernburger Hypnotiseurs

Der 1853 in Bernburg, geborene August Christian Drost erlangte in den 1920er Jahren weit über Sachsen-Anhalt Berühmtheit. Hauptberuflich war er Lehrer an einer katholischen Schule. Darüberhinaus interessierte er sich außerdem für Hypnose. Ab den 20er Jahren half er der Polizei mit seiner besonderen Fähigkeiten als Hypnotiseur Kriminalfälle zu lösen. Er versetzte Menschen, die er als Medien benutzte, in Trance und befragte sie zu polizeilichen Fällen. Auf diese Weise konnte er beispielsweise einen verschwundenen Jungen in der Gegend wieder ausfindig machen. Schließlich führte er circa 20 kriminaltelepathische Fälle jährlich durch. Doch nicht immer stimmten die Aussagen mit der Wahrheit überein. Die katholische Schule, an der Drost angestellt war, missbilligte seine Nebentätigkeit und entließ ihn. Schließlich wurde er sogar am 12. April 1924 verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, seine angeblichen Fähigkeiten in betrügerischer Absicht genutzt zu haben, um Profite zu erwirtschaften. Im Oktober 1925 beginnt der Prozess gegen ihn. Er endet nach nur einer Woche mit einem Freispruch. Er konnte dem Gericht verständlich machen, dass er wirklich an seine Fähigkeiten glaubte. In fünf Tagen wurden 41 Fälle durchgegangen, 120 Zeugen vernommen und drei Sachverständige angehört. Außerdem habe Drost anscheinend kein Geld verlangt, sondern es nur genommen, wenn es ihm von Hilfe suchenden Menschen angeboten wurde.

Buch über Drost von 1925 „Der Bernburger Hellseher-Prozeß und das Problem der Kriminaltelepathie. Mit Bild und Schriftprobe des Lehrers Drost nebst einem Vorwort von Rechtsanwalt Dr. Winterberg“

Bernburger HellseherQuellen:

Erik Jan Hanussen: Begabter und betrügerischer Hellseher

Erik Jan Hanussen war der Künstlername des am 2. Juni 1889 in Wien geborenen Herman Steinschneider. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Nachdem seine Mutter starb, als er zehn Jahre alt war, heiratete sein Vater erneut. Er brach danach die Schule ab und lief von zu Hause davon. Zunächst versuchte er als Reporter von gutbetuchten Bürgern Geld zu erpressen, indem er ihnen androhte, Gerüchte über sie in Klatschblättern zu veröffentlichen. Er erschlich sich auch das Vertrauen eines Hellsehers, dessen Tricks er später veröffentlichte. Außerdem war er auch Kunstreiter und Reckakrobat im Zirkus und soll dort das „erste elektrische Kettenkarussel der Welt“ betrieben haben, was in Wirklichkeit von vor dem Publikum versteckten Kindern angetrieben wurde. Später gab er sich den Namen Bariton Titta Ruffo und erschlich sich somit ein Engagement in einem Opernensemble. Im Ersten Weltkrieg schützte er sich vor gefährlichen Einsätzen, indem er den Zustand in der Heimat voraussagte und das österreichische Militär im Wünschelruten gehen ausbildete. Schließlich kam er auch nach Berlin. Dort erlernte und kopierte er die Gedankenlesedarbietungen einer Varietékünstlerin namens „Frau Magda“ und trat in Kleinstadtvarietés in Europa als scheinbar echter Hypnotiseur auf. Er erlernte noch andere Showeinlagen und zeigte sogar Fakirkunststücke. In seinem Buch Meine Lebenslinie  veröffentlicht er seine Tricks, doch das Publikum nahm ihn trotz allem als echten Hypnotisieur wahr. Er verbesserte das klassische Hellsehkunststück „Zettellesen“ und machte in der Presse spektakuläre Vorhersagen, wobei er häufig falsch lag, Zufallstreffer jedoch groß herausstellte. Mit okkultistischen Beratungsgesprächen verdiente Hanussen nicht nur Geld, sondern erwarb auch gesellschaftliche Kontakte. Für seine Shows engagierte er immer wieder Trickbetrüger. So kamen auch bald Hungerkünstler in Mode, die sich in Glaskäfigen ausstellen ließen und nur Wasser zu sich nahmen. Hanussen steigerte die Idee um femininen Sexappeal, in dem er erstmals eine hübsche Hungerkünstlerin, Lola, unter permanenter Bewachung in den Glaskäfig schickte. Nachdem die heimliche Ernährung wegen des Bewachungskomitees immer schwieriger wurde, drehte das Mädchen am 32.Tag durch und zerschlug panisch das Glas. Zu diesem Zeitpunkt hatte Hanussen jedoch schon bestens an ihr verdient. Der als intelligent geltende Hanussen verlegte mehrere Zeitungen, mit denen er genau wie in seinen Beratungsgesprächen die Sehnsüchte der Leser bediente. Hanussens bunte Wochenschau war kurzfristig eine der auflagenstärksten Zeitungen Berlins. Durch „astrologische Börsentipps“ konnte er Aktienkurse beeinflussen. Seine Hellsehshows wurden in Berlin Tagesgespräch. Hanussen verkaufte allerhand okkulte Produkte und wurde so reich, dass er sich unter anderem eine Luxus-Yacht leistete. 1933 ließ er sich in der Berliner Lietzenburger Straße einen sagenhaften „Palast des Okkultismus“ einrichten, der futuristisch nur vom feinsten möbliert war und über versteckte Abhörsysteme und allerhand Spielereien verfügte. So zelebrierte er seine Orakel in einem runden Glastisch sitzend, der „astrologischen Bar“.

Obwohl er Jude war, suchte er ab 1930 die Nähe zum Nationalsozialismus und verschleierte seine Herkunft. In seinen astropolitischen Zeitungen unterstützte er den Aufstieg Hitlers. So sagte er auch den  Reichtagsbrand hervor. Wahrscheinlich wusste er davon, weil er sehr gute Kontakte zur SA-Führung hatte, vor allem weil er SA-Mitglieder durch Finanzierung ihrer Spielschulden und andere, insbesondere sexuelle Dienstbarkeiten sich zu verpflichten wusste. Wie und durch wen Hanussen zu dem Wissen über den bevorstehenden Reichstagsbrand wirklich kam, ist nach wie vor unbekannt. Durch sein „Geldverleihen“ erwarb er sich viele Freunde. Im Frühjahr 1933 wurde Hanussen am 23. März 1933 von einem drei- bis vierköpfigen SA-Kommando unter Führung in seiner Privatwohnung verhaftet. Nach einem Zwischenaufenthalt in der Polizeikaserne in Tempelhof wurde Hanussen im Laufe der Nacht zum 24. März 1933 mit seinem eigenen Wagen, der zu diesem Zweck beschlagnahmt worden war, aus Berlin gefahren und erschossen.

Die Motive für den Mord an Hanussen sind bis heute nicht vollständig geklärt: Möglich ist das Anfang 1933 Hanussens jüdische Herkunft bekannt wurde. Außerdem hatten NS-Leute Schulden bei ihm, die durch dessen Ermordung hinfällig geworden waren. Als weiteres Mordmotiv ist noch vorstellbar, das Hanussen den Nazis hätte gefährlich werden können, weil er möglicherweise wusste oder Hinweise hätte liefern können, wie diese in den Reichstagsbrand verwickelt waren. Hanussens Grabstätte befindet sich auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf.

Hanussen in Aktion als Hypnotiseur – Aufnahmedatum: um 1930 – Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz

Hanussen in seiner „astrologischen Bar“ – Bildarchiv Dr. Wilfried Kugel

Quellen: