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Herabfallenden Leichenteile vom Kirchendach

Es war der 22. Januar 1536. In Münster versammelten sich viele Menschen um einem ganz besonderen Spektakel beizuwohnen: Der Hinrichtung der drei Wiedertäufer.

Die Ketzer müssen sterben

Laut der Kirche waren es drei Ketzer, die an diesem Tag sterben mussten. Jan van Leiden war mit seinen Mitstreitern Bernd Knipperdolling und Bernd Krechting der Anführer der Wiedertäuferbewegung. Ihr Tod war grausam. Der Henker riss ihnen mit glühenden Zangen Fleischfetzen von den Knochen – immer darauf bedacht, dass die Männer nicht in Ohnmacht fallen. Nach einer Stunde stieß man ihnen einen Dolch durch das Herz. Die Toten wurden anschließend in Eisenkäfigen aufrecht festgebunden und am Turm der Kirche St. Lamberti in Münster zur Schau gestellt. Hoch über den Köpfen der Menschen verwesten dann die Körper. Noch Jahrzehnte danach fielen Leichenteile auf die darunter vorbeigehenden Passanten.

Hinrichtungsszene aus ,Geschichte der Wiedertäufer' 1881

Hinrichtungsszene aus ,Geschichte der Wiedertäufer‘ 1881

Warum wurden sie hingerichtet?

Es ist die Zeit der Reformation. Im Zuge dessen bilden sich in Mitteleuropa überall radikale Sekten, die die Bibel für sich interpretierten. Darunter gab es auch diejenigen, welche die Kindstaufe mit der Begründung ablehnten, dass Säuglinge noch keinen freien Willen besitzen würden. Erst junge Erwachsene können zu ihrem Glauben stehen, weshalb erst zwischen etwa 16 bis 18 Jahren die Taufe durchgeführt werden könnte. Deshalb wurden sie von ihren Gegnern als Wiedertäufer bezeichnet. Starb nun ein Kind vor der Taufe im Erwachsenenalter, kam dieses – laut den Wiedertäufern- schlichtweg nicht in den Himmel. Im Mittelalter gab es jedoch eine hohe Kindersterblichkeit. Für die Menschen damals war die Wiedertäuferbewegung mit panischer Angst verbunden. Sie glaubten, ihr dahingeschiedenes Kind würde in der Hölle schmoren.

Die Wiedertäuferbewegung hatte viele Anhänger, aber auch viele Feinde – vor allem die Kirche selbst.

Jan van Leiden – Der König von Münster

1533 lernte Jan van Leiden einen Täufer kennen und ließ sich von ihm taufen. Dieser sandte Jan van Leiden als Apostel nach Münster, um die dortigen Täufer zu unterstützen. Die Täufer erlangten die Mehrheit im Rat und machten Münster zu einer ihrer Hochburgen. Sie vertrieben sogar den Bischof, der jedoch die Stadt belagerte. Bald stieg van Leiden zum alleinigen Führer der Täufer in Münster auf und verlor jegliches Maß. Er nahm als Johann I. den Königstitel an, errichtete das „Königreich Zion“ und umgab sich mit einem glänzenden Hofstaat. Mit Hilfe von „12 Aposteln“, als seinem Rat, übte er ein Schreckensregiment aus und erstickte jeden Widerstand in Blut. In Vorbereitung auf die vermeintlich nahende Endzeit ließ er alle Bücher bis auf die Bibel verbrennen, schaffte das Geld ab und führte eine Gütergemeinschaft ein, in der es kein Privateigentum mehr gab. Außerdem führte er − auch gegen den Widerstand seiner Gefährten – die Vielehe ein. Jan van Leiden hatte 17 Frauen.

Jan van Leiden auf einem Gemälde von Heinrich Aldegrever 1535

Tödliches Ende der Wiedertäufer

Jan van Leidens Täuferreich endete, als die Truppen des Bischofs Münster im Sommer 1535 wieder einnahmen. Erst nach erbitterten Straßenkämpfen wurden die Anhänger der Täufer besiegt. Da Jan van Leiden, Bernd Knipperdolling und Bernd Krechting sich nicht bekehren wollten, wurden sie schließlich hingerichtet. Ihre von Brandwunden übersäten Leichen wurden in eisernen Körben am Turm von St. Lamberti zur Abschreckung aufgehängt. Noch 1585 sollen letzte Knochenreste zu sehen gewesen sein. Die Original-Körbe, die 1945 noch restauriert werden konnten, hängen heute noch am Turm von St. Lamberti.

Die drei Eisenkäfige an der Kirche St. Lamberti, in denen die Körper der drei toten Wiedertäufer verwesten – Foto aus dem Jahr 2009 von Kai Schreiber @flickr CC BY-SA 2.0

Quellen: