Schlagwort-Archive: astrologische Bar

Erik Jan Hanussen: Begabter und betrügerischer Hellseher

Erik Jan Hanussen war der Künstlername des am 2. Juni 1889 in Wien geborenen Herman Steinschneider. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Nachdem seine Mutter starb, als er zehn Jahre alt war, heiratete sein Vater erneut. Er brach danach die Schule ab und lief von zu Hause davon. Zunächst versuchte er als Reporter von gutbetuchten Bürgern Geld zu erpressen, indem er ihnen androhte, Gerüchte über sie in Klatschblättern zu veröffentlichen. Er erschlich sich auch das Vertrauen eines Hellsehers, dessen Tricks er später veröffentlichte. Außerdem war er auch Kunstreiter und Reckakrobat im Zirkus und soll dort das „erste elektrische Kettenkarussel der Welt“ betrieben haben, was in Wirklichkeit von vor dem Publikum versteckten Kindern angetrieben wurde. Später gab er sich den Namen Bariton Titta Ruffo und erschlich sich somit ein Engagement in einem Opernensemble. Im Ersten Weltkrieg schützte er sich vor gefährlichen Einsätzen, indem er den Zustand in der Heimat voraussagte und das österreichische Militär im Wünschelruten gehen ausbildete. Schließlich kam er auch nach Berlin. Dort erlernte und kopierte er die Gedankenlesedarbietungen einer Varietékünstlerin namens „Frau Magda“ und trat in Kleinstadtvarietés in Europa als scheinbar echter Hypnotiseur auf. Er erlernte noch andere Showeinlagen und zeigte sogar Fakirkunststücke. In seinem Buch Meine Lebenslinie  veröffentlicht er seine Tricks, doch das Publikum nahm ihn trotz allem als echten Hypnotisieur wahr. Er verbesserte das klassische Hellsehkunststück „Zettellesen“ und machte in der Presse spektakuläre Vorhersagen, wobei er häufig falsch lag, Zufallstreffer jedoch groß herausstellte. Mit okkultistischen Beratungsgesprächen verdiente Hanussen nicht nur Geld, sondern erwarb auch gesellschaftliche Kontakte. Für seine Shows engagierte er immer wieder Trickbetrüger. So kamen auch bald Hungerkünstler in Mode, die sich in Glaskäfigen ausstellen ließen und nur Wasser zu sich nahmen. Hanussen steigerte die Idee um femininen Sexappeal, in dem er erstmals eine hübsche Hungerkünstlerin, Lola, unter permanenter Bewachung in den Glaskäfig schickte. Nachdem die heimliche Ernährung wegen des Bewachungskomitees immer schwieriger wurde, drehte das Mädchen am 32.Tag durch und zerschlug panisch das Glas. Zu diesem Zeitpunkt hatte Hanussen jedoch schon bestens an ihr verdient. Der als intelligent geltende Hanussen verlegte mehrere Zeitungen, mit denen er genau wie in seinen Beratungsgesprächen die Sehnsüchte der Leser bediente. Hanussens bunte Wochenschau war kurzfristig eine der auflagenstärksten Zeitungen Berlins. Durch „astrologische Börsentipps“ konnte er Aktienkurse beeinflussen. Seine Hellsehshows wurden in Berlin Tagesgespräch. Hanussen verkaufte allerhand okkulte Produkte und wurde so reich, dass er sich unter anderem eine Luxus-Yacht leistete. 1933 ließ er sich in der Berliner Lietzenburger Straße einen sagenhaften „Palast des Okkultismus“ einrichten, der futuristisch nur vom feinsten möbliert war und über versteckte Abhörsysteme und allerhand Spielereien verfügte. So zelebrierte er seine Orakel in einem runden Glastisch sitzend, der „astrologischen Bar“.

Obwohl er Jude war, suchte er ab 1930 die Nähe zum Nationalsozialismus und verschleierte seine Herkunft. In seinen astropolitischen Zeitungen unterstützte er den Aufstieg Hitlers. So sagte er auch den  Reichtagsbrand hervor. Wahrscheinlich wusste er davon, weil er sehr gute Kontakte zur SA-Führung hatte, vor allem weil er SA-Mitglieder durch Finanzierung ihrer Spielschulden und andere, insbesondere sexuelle Dienstbarkeiten sich zu verpflichten wusste. Wie und durch wen Hanussen zu dem Wissen über den bevorstehenden Reichstagsbrand wirklich kam, ist nach wie vor unbekannt. Durch sein „Geldverleihen“ erwarb er sich viele Freunde. Im Frühjahr 1933 wurde Hanussen am 23. März 1933 von einem drei- bis vierköpfigen SA-Kommando unter Führung in seiner Privatwohnung verhaftet. Nach einem Zwischenaufenthalt in der Polizeikaserne in Tempelhof wurde Hanussen im Laufe der Nacht zum 24. März 1933 mit seinem eigenen Wagen, der zu diesem Zweck beschlagnahmt worden war, aus Berlin gefahren und erschossen.

Die Motive für den Mord an Hanussen sind bis heute nicht vollständig geklärt: Möglich ist das Anfang 1933 Hanussens jüdische Herkunft bekannt wurde. Außerdem hatten NS-Leute Schulden bei ihm, die durch dessen Ermordung hinfällig geworden waren. Als weiteres Mordmotiv ist noch vorstellbar, das Hanussen den Nazis hätte gefährlich werden können, weil er möglicherweise wusste oder Hinweise hätte liefern können, wie diese in den Reichstagsbrand verwickelt waren. Hanussens Grabstätte befindet sich auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf.

Hanussen in Aktion als Hypnotiseur – Aufnahmedatum: um 1930 – Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz

Hanussen in seiner „astrologischen Bar“ – Bildarchiv Dr. Wilfried Kugel

Quellen: