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Was passiert wenn jemand gerne Gedichte schreibt und beruflich mit Leichen zu tun hat?

Es entstehen Gedichte über Leichen!

Gottfried Benn war ein deutscher Arzt, Dichter und Essayist, der durch seine Werke über Leichen vor über hundert Jahren einen Skandal auslöste.  Er wurde am 2. Mai 1886 in Mansfeld, Brandenburg geboren und verstarb am 7. Juli 1956 in Berlin.

Das Leben von Gotfried Benn

1903 machte Benn sein Abitur und wollte Medizin studieren. Dies widersprach aber den Vorstellungen seines Vaters, eines Pastors, da dieses Studium lang und teuer war und er seinen Sohn gerne als Nachfolger in seinem Pfarramt gesehen hätte. Zum Wintersemester 1903/1904 nahm Benn also das Studium der Evangelischen Theologie und der Philosophie in Marburg auf. Benn scheint für beide Studiengänge wenig Interesse aufgebracht zu haben und wurde im Sommer 1905 wegen „Unfleißes“ aus der Universitätsmatrikel gestrichen. Daraufhin studierte er sechs Jahre Medizin und hospitierte u.a. als Unterarzt in dem Berliner Krankenhaus Charité. Zwischen 1910 und 1912 trat Benn in Verbindung mit Dichtern. Noch während seiner Ausbildungszeit werden erste literarische Werke Benns veröffentlicht. So erschien auch der der Prosatext Unter der Großhirnrinde. In der Pathologie am Klinikum in Moabit, bekam Benn viel Inspiration für weitere Werke. Der erste Gedichtband Benns, in dem Erfahrungen des Arztes mit Leichen ihren Niederschlag fanden, erschien im März 1912 unter dem Titel Morgue und andere Gedichte. Die Veröffentlichung war ein Skandal und begründete Benns frühen Ruhm. Die Leser waren gleichfalls angeekelt und geschockt, wie auch fasziniert von seinen Gedichten. Morgue ist ein älterer Begriff für ein Leichenschauhaus (auch englisch the morgue und französisch la morgue). Benn ist zu dieser Zeit 25 Jahre alt. Schließlich kam der Erste Weltkrieg und unterbrach Benns Karriere. Gleich zu Beginn des Krieges wurde er eingezogen, wo er als Arzt in Feldlazaretten arbeitete. Dienstlich war er auch zur Anwesenheit bei Exekutionen verpflichtet. Nach dem Krieg öffnete er eine eigene Praxis als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten im heutigen Mehringdamm 38 in Berlin. Er war verheiratet und hatte eine Tochter, sah seine Familie aber kaum, da er Zeit für seine literarischen Werke benötigte. Jedoch hatte er auch eine Affäre. Benn war schnell durch seine alltägliche Arbeit gelangweilt. Er gab seine Praxis auf. Danach bemühte sich Benn 1935 erfolgreich um den Eintritt in die Wehrmacht. Zunächst fühlte sich Benn vom Nationalsozialismus angezogen, was sich aber später zu starker Ablehnung wandelte. Seit 1938 schrieb er sehr offene private Briefe, welche ihn leicht ins Konzentrationslager hätten bringen können. Deswegen erhielt er Schreibverbot, arbeitete wieder als Arzt und heiratete erneut.

Seine Gedichte

Lasst euch nun in die schaurige Welt eines Dichters entführen, der seine Inspiration Leichen verdankt. Die folgenden Gedichte sind aus dem Gedichtband Morgue, 1912.

Kleine Aster

Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster
zwischen die Zähne geklemmt.
Als ich von der Brust aus
unter der Haut
mit einem langen Messer
Zunge und Gaumen herausschnitt,
muß ich sie angestoßen haben, denn sie glitt
in das nebenliegende Gehirn.
Ich packte sie ihm in die Brusthöhle
zwischen die Holzwolle,
als man zunähte.
Trinke dich satt in deiner Vase!
Ruhe sanft,
kleine Aster!

Schöne Jugend

Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach
war die Speiseröhre so löcherig.
Schließlich, in einer Laube unter dem Zwerchfell
fand man ein Nest von jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die anderen lebten von Leber und Niere,
tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schöne Jugend verlebt.
Und schön und schnell kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Wasser.
Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschen!

Kreislauf

Der einsame Backzahn einer Dirne,
die unbekannt verstorben war,
trug eine Goldplombe.
Die übrigen waren wie auf stille Verabredung
ausgegangen.
Den schlug der Leichendiener sich heraus,
versetzte ihn und ging für tanzen.
Denn, sagte er,
nur Erde solle zur Erde werden.

Gottfried Benn 1918

Gottfried Benn 1934

Gottfried Benn 1934

Quellen: