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Carions Weissagung

Johann oder Johannes Carion (auch: Johannes Nägelin, Johannes Gewürznägelin, Johannes Caryophyllus) wurde am 22. März 1499 in Bietigheim, einem kleinen Ort in Baden-Württemberg geboren. Er starb am 2. Februar 1537 in Magdeburg. Carion war ein deutscher Astrologe, Mathematiker und Historiker. Er studierte in Tübingen und fing bereits damals an sich für die Konstellation von Sternen und deren mögliche Auswirkung auf die Zukunft zu interessieren. Sein Erstlingswerk war eine Art Bauernkalender mit Angabe der Mondphasen und damit verbundenen Wetterprognosen. Jedoch wurden seine Vorraussagungen mit der Zeit immer spektakulärer. Carion vermutet bald darauf, dass eine neue Sintflut bevorsteht.

Das Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren um 1530 zeigt den Hofastronom Johann Carion

Carion bei den Hohenzollern

1522 bekommt der 23-jährige Johann Carion die Stelle als Hofastronom bei Joachim I., dem Kurfürsten von Brandenburg, im Hause der Hohenzollern. Die Hohenzollern hatten den Ruf besonders abergläubisch zu sein. Joachim I. hat sogar für Carion eine Sternwarte errichten lassen. Damals kursierte ein Gerücht, dass im Jahre 1524 die Welt untergehen würde. Carion berechnete den Weltuntergang jedoch auf ein anderes Datum, den 15. Juli 1525.

Die Sintflut

Natürlich berichtete Carion dem Kurfürsten von seinem errechneten Weltuntergang und Vorbereitungen wurden getroffen. Am 15. Juli 1525 sah das Wetter jedoch nicht sintflutartig aus. Die Sonne strahlte. Dennoch wurden alle Sachen gepackt und der Hofstaat begab sich auf die höchste Erhebung von Berlin – was der heutige Kreuzberg ist. Auf dem Berg angekommen, zogen wirklich Gewitterwolken auf. Doch schon bald kam wieder die Sonne durch. Die Kurfürstin bewegte alle dazu die Rückkehr anzutreten. Die Berliner machten sich über den abergläubischen Hofstaat lustig, der nun wieder zurückkehrte.

Im Schloss angekommen, fing es aber wirklich an zu gewittern. Ein Blitz traf die Kutsche des Kurfürsten. Joachim I. fiel in Ohnmacht. Es regnete in Strömen. Als der Kurfürst wieder erwachte, fand er den Kutscher tot neben sich liegen. Außerdem wurden vier der acht Pferde ebenfalls vom Blitz getroffen.

Ein Chronist fasst dieses Ereignis wie folgt zusammen: „Sunsten hat das Wetter keinen Schaden mehr getan…“

Quellen:

Zaubersprüche gegen Krankheiten aus Sachsen

Der gebürtige Leipziger Carly Seifarth (* 14. Januar 1890 † 27. Oktober 1950 in Leipzig) hat 1913 seine Dissertation „Aberglaube und Zauberei in der Volksmedizin West-Sachsens“ an der Universität Leipzig veröffentlicht. Für diese Arbeit ist Seifahrt in Sachsen herum gereist und hat über Aberglauben und Magie geforscht. In vielen sächsischen Orten ist er fündig geworden.

Wir stellen euch heute  aus Seifarths Dissertation drei über 100 Jahre alte Zaubersprüche aus Sachsen vor, die nach dem damaligen Aberglauben Krankheiten heilten sollten.

Zauberspruch gegen Zahnschmerzen

Ich sehe den neuen Mond mit zwei Spitzen,
Meine Zähne sollen weder hitzen noch schwitzen,
Sie sollen auch nicht wieder wehtun,
Bis ich den Neumond sehe mit drei Spitzen.
Zahnangst ich habe dich mit meinen Zähnen berührt,
So kehre du dich an meine Guhr*.
Mond ich sehe dich scheinen mit zwei Spitzen,
Meine Zähne sollen in Blute schwitzen,
Bis ich dich sehe mit drei Spitzen
Und das sage ich mir
Im Namen Gottes.

*Guhr ist ein altdeutscher Ausdruck für Fäule und den damit einhergehenden unangenehmen Geruch

Wundsegen – zur Besprechung von Wunden

Wunde du sollst nicht hitzen,
Du sollst nicht schwitzen,
Du sollst nicht gären,
Du sollst nicht schwären,
Bis die Mutter Gottes einen anderen Sohn wird gebären. Amen.

Dieser Spruch ist aus Zwickau. „Bis die Mutter Gottes einen anderen Sohn wird gebären“ bedeutet, dass es nie passieren wird.

Frauenleiden – Die Gebärmutter besprechen

Hebemutter, Wehemutter, Blähemutter,
Gebärmutter, Flattermutter, Gerthmutter,
Rosenmutter, Kindesmutter, Fürfallmutter,
Ich gebiete dir, dass du gehst in deinen vorigen Stand,
Da du lagest und klagest,
Da du eine reine Jungfrau warest,
Das zähl ich dir zur Buße
Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Spannend ist bei all den Zaubersprüchen, dass eine Vermischung von Aberglauben und Religion vorliegt. Die Religion konnte also den Aberglaube nicht vollständig verdrängen.

credulity-superstition-and-fanaticism

„Credulity, Superstition and Fanaticism“ („Leichtgläubigkeit, Aberglaube und Fanatismus“) von William Hogarth 1762

Quellen:

Totenbretter

Es kann schon passieren, dass der ein oder andere Wanderer in Bayern auf ganz sonderbare längliche Holztafeln stößt, die gar merkwürdige Inschriften und Namen von vor über 100 Jahren tragen. Das sind Totenbretter.

Totenbrettgruppe in der bayrischen Stadt Regen

Totenbrettgruppe in der bayrischen Stadt Regen – Foto aus dem Jahr 2006

Was ist ein Totenbrett?

Als Totenbretter (Leichenbretter, Reebretter oder Rechbretter) werden Holzbretter bezeichnet, auf denen Tote bis zum Begräbnis aufgebahrt und die zur Erinnerung an den Verstorbenen am Wegrand aufgestellt wurden. Dieser Brauch war im 19. Jahrhundert im gesamten bairischen und alemannischen Raum verbreitet. Die Totenbretter stammen aus einer Zeit, in der es üblich war die Verstorbenen auf Brettern im eigenen Hause aufzubahren. Die Totenbretter dienten dazu als Unterlage für den Leichnam. Der Tote wurde danach in ein Leichentuch gewickelt und zum Friedhof getragen. Am noch leeren Grab angekommen, wurde das Brett schräg gehalten, so dass der Leichnam hinab ins Grab rutschte. Das wurde in der Gegend auch als „Brettlrutsch’n“ bezeichnet. Manchmal wurde das Totenbrett mit ins Grab gelegt. Es kam aber auch vor, dass es als Erinnerungszeichen für die Lebenden aufgestellt wurde.

Aberglaube um die Totenbretter

Diese doch für manch einen recht schaurig anmutenden Totenbretter, welche bevorzugt an Wegesrändern standen, riefen allerlei Aberglauben hervor. Den Totenbrettern schrieb man Zauberkräfte zu und ihre Standorte galten als Spukplätze. Der Volksglauben besagte auch, dass die Seele des Toten erst Erlösung findet, wenn sein Totenbrett verfallen war. Um eine möglichst kurze Zeit im Fegefeuer zu erzielen, wurden die älteren Totenbretter daher aus Weichholz gefertigt und ungeschützt der Witterung ausgesetzt. Vereinzelt wird auch von Totenbrettern berichtet, die als Trittplanken oder Stege über Bäche und Sümpfe genutzt wurden, da sie dort besonders schnell verwittern und zerfallen. Sollte jemand das Holz eines Totenbrettes gestohlen haben, um dies zum Beispiel zu verfeuern oder weiter zu verarbeiten, dann bricht großes Unglück über ihn herein.

Totengedenkbretter

Neben den „echten“ Totenbrettern mit bis zu 2 m Länge und 40 cm Breite hat sich – vor allem in Oberbayern – der Brauch entwickelt, kürzere, schmalere Gedenkbretter aufzustellen. Diese selten mehr als 150 cm langen und 30 cm breiten Bretter werden ebenfalls an Wegrändern aufgestellt. Auf ihnen finden sich Sinn- und Gedenksprüche, die jedoch nicht an eine bestimmte Person erinnern, sondern allgemein zum Totengedenken auffordern.

Totengedenkbrett - Foto aus dem Jahr 2005

Totengedenkbrett – Foto aus dem Jahr 2005

Das Foto zeigt ein Totengedenkbrett bei Grafrath. Die Inschrift:
„Die Toten rufen uns zu:
‚Das was ihr seid,
das waren wir.
Und das was wir sind,
das werdet ihr noch sein.'“

Quellen:

Die Korndämonen

Als Korndämonen werden laut altem deutschen Volksaberglaube übernatürliche Wesen bezeichnet, die sich im Kornfeld oder anderen Pflanzungen wie Flachs, Bohnen, Mohn usw. aufhalten. Nach dem Aberglaube wird die Anwesenheit der Dämonen im Feld am im Wind wehenden Korn festgemacht. Menschen, die nahe am Feld vorbeilaufen oder sogar in das Feld gehen, werden von den Korndämonen geschnappt, entführt und im schlimmsten Falle sogar verspeist.

Wahrscheinlich diente der Aberglaube dazu, Fremde aber vor allem Kinder vom Feld und der Ernte abzuhalten, da die Feldfrüchte möglicherweise durch das Betreten zerstört werden konnten.

Körndämonen haben viele Gestalten

Körndämonen oder Korngeister können viele Gestalten annehmen:

Roggenwolf

Verschiedene Sprichwörter des 19. Jahrhunderts charakterisieren den Roggenwolf als unersättlich und gefräßig bis hin zur Bewegungsunfähigkeit als Folge des unmäßigen Schlingens. Auch ist er aggressiv. Der Roggenwolf heult und brüllt in seiner Gier nach Futter. Der Roggenwolf ist ein Windgeist. Er trägt davon auch den Namen Windwolf. Besonders, wenn der Wind die Getreideähren in wellenförmige Bewegung bringt, hieß es, der Wolf gehe durch oder über das Korn, sei im Korn oder jage die Schafe im Korn. Manchmal geht auch die Rede von mehreren Wölfen, die sich im Korn jagen. Das Heulen des Windes soll durch den Roggenwolf hervorgerufen werden. Der Roggenwolf tritt auch als Verkörperung der rauen Luft, des Nebels und des Regens auf.

Habergeiß

Die Habergeiß ist eine Dämonengestalt in Form einer Ziege mit Pferdehufen oder eines Vogels, der entweder die Stimme einer Ziege hat oder in einer anderen Weise verunstaltet ist. In der Volkssage wird die Habergeiß meist als dreibeiniger Geißbock mit glühenden Augen und langem Bart beschrieben. In einigen Sagen besitzt dieser Geißbock kein Fell, sondern ein Gefieder. Die Habergeiß zu sehen gilt als böses Omen.

Habergeiss

Die Habergeiß ist ein Korndämon. Das Bild zeigt die Habergeiß bei einem Faschingsumzug in Innsbruck.

Roggenmutter, Roggenmuhme oder auch Kornmutter

Die Kornmutter zieht über die Getreidefelder dahin, in ihrer Begleitung sind Hunde und sie selbst vermag die Gestalt eines Wolfes anzunehmen, was an die Wilde Jagd erinnert.

Die Kornmutter soll feurige Finger haben und mit glühenden Eisenspitzen versehene Brüste haben, die so lang sind, daß die Kornmutter sie über ihre Schultern werfen kann. Dieses Merkmal hat sie mit vielerlei weiblichen Alben gemein und erinnert als Symbol der nährenden Erdmutter an die vielbrüstige Artemis.

Anbei noch ein kleines Video, um ein einen Eindruck von der Roggenmuhme zu verschaffen:

Quellen:

Die Zauberpflanze Alraune

Die Alraunen (Mandragora) sind Nachtschattengewächse. Es gibt drei verschiedene Arten, wobei nur eine davon in Europa vorkommt. Die Gemeine Alraune (Mandragora officinarum) wird vor allem durch ihre Kulturgeschichte oftmals als Ritual- und Zauberpflanze angesehen. Ihre volkstümliche Bezeichnung ist auch Drachenpuppe, Erdweibchen, Erdmännchen, Galgenmännlein oder Henkerswurzel. Alraunen sind mehrjährige krautige Pflanzen, die gelegentlich einen übelriechenden Geruch absondern. Ihr Wurzelgewächs ähnelt mit Fantasie einem menschlichen Körper. Die Alraune ist seit der Antike eine der wichtigsten Pflanzen in der Geschichte der Magie und Kräuterkunde. Ihre angebliche magische Kraft wurde genutzt um daraus Zaubertränke zu brauen und magische Amulette zu kreieren. In der freien Natur kommt sie in Europa nur im Mittelmeerraum vor und kam über Handelsrouten im frühen Mittelalter ins nördlichere Europa und nach Deutschland. Seit dem Mittelalter wandelte sich der Mythos um die Alraune. Statt heilenden Kräften wurden ihr nun dämonische Züge angehängt. Beim Ernten der Pflanze soll das Erdmännchen sogar schreien. Der Schrei sei tödlich für all diejenigen, die ihn hören.

So beschrieb Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert, dass der Teufel in der Pflanze wohne. Nachdem die Alraune geerntet wurde, sollte sie deshalb in queckborn (Quellwasser) gelegt werden, um das Böse hinauszudrängen – es sei denn, die Pflanze sollte explizit zu bösem Zauber verwendet werden. Bei Heilanwendung sollte die Pflanze gegen sexuelle Begehrlichkeiten wirken. Hierzu war eine weibliche Alraune zwischen Brust und Nabel des Kranken anzubinden, dann die Wurzel in zwei Teile zu spalten und über die Lenden zu binden und zuletzt die linke Hand der schon völlig anthropomorph [menschenähnlich] vorgestellten Wurzel zu zerreiben und mit Kampfer [kommt in anderen Gewächsen vor], zu essen. Gegen Schwermütigkeit dagegen war hinreichend, die Wurzel mit ins Bett zu nehmen und bei deren Erwärmung ein bestimmtes Gebet zu sprechen. In beiden Fällen konnten Buchentriebe die Alraune ersetzen.

Schließlich notierten auch die Gebrüder Grimm Folgendes über das Alraunenmännchen: „Bei der Ausgrabung desselben ist große Gefahr, denn wenn er herausgerissen wird, ächzt, heult und schreit er so entsetzlich, dass der, welcher ihn ausgräbt, alsbald sterben muss. Um ihn daher zu erlangen, muss man am Freitag vor Sonnenaufgang, nachdem man die Ohren mit Baumwolle, Wachs oder Pech wohl verstopft, mit einem ganz schwarzen Hund, der keinen anderen Flecken am ganzen Leibe haben darf, hinausgehen, drei Kreuze über den Alraun machen und die Erde rings herum abgraben, so dass die Wurzel nur noch mit kleinen Fasern in der Erde stehen bleibt. Danach muss man sie mit einer Schnur dem Hund an den Schwanz binden, ihm ein Stück Brot zeigen und eilig davonlaufen. Der Hund, nach dem Brote gierig, folgt und zieht die Wurzel heraus, fällt aber, von ihrem ächzenden Geschrei getroffen, alsbald tot hin.‘ Dieser Vorgang findet sich auf zahlreichen Abbildungen antiker und frühmittelalterlicher botanischer Handschriften dargestellt.

Ferner kam der Aberglaube hinzu, dass die Alraunen unter einem Galgen wachsen und aus dem Urin und Samen von Gehängten entstehen sollen. Laut anderen Sagen war, um einen Alraun besitzen und nutzen zu können, in jedem Fall ein Bündnis mit dem Teufel einzugehen. Einem verstorbenen Besitzer eines Alrauns musste Brot und Geld in das Grab gegeben werden. Auch das Weiterschenken vor dem Tod löste dies Problem nur bedingt, denn das Geschenkte ließ sich nicht weiter verschenken, sondern kehrte immer zum ersten Besitzer zurück.

Alraunenmann

Zeichnung aus dem Werk von Johannes de Cuba: Gart der Gesundheit. Mainz. 1485. Hessische Landesbibliothek Wiesbaden Inc 237.

Alraunenwurzel

Zeichnung aus dem Buch „Nordisch-germanische Götter und Helden“. Wilhelm Wägner. Otto Spamer, Leipzig & Berlin, 1882.

Quellen: