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Das Jahr ohne Sommer

Wir schreiben das Jahr 1815 und befinden uns auf einer Insel in Indonesien. Eine Insel, die 10.800 km von Deutschland entfernt ist. Dort gibt es einen riesigen Vulkan namens Tambora – ein Vulkan der um ein Vielfaches größer ist als der Vesuv in Italien. Im April 1815 bricht der Tambora aus und schleudert glühende Asche bis zu 50 km hoch in die Luft.

Tambora Der riesige Krater

Der riesige Krater des Tambora, Durchmesser: 6 km, Tiefe: über einen Kilometer

Globale Folgen des Ausbruchs

In Indonesien starben infolgedessen mindestens 71.000 Menschen. Mehrere Monate lang verteilen Winde die Staubteilchen und den Ascheregen über die ganze Erde und schirmen die Sonnenstrahlen ab. Es wird dunkel und kalt. Der Sommer des Folgejahres 1816, im Volksmund „Jahr ohne Sommer“ genannt, war der kälteste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor ungefähr 300 Jahren. Der Vulkanausbruch zieht eine schreckliche Klimaveränderung nach sich. So schneit es im Kanadischen Quebec mitten im Juni. In Mitteleuropa kam es zu schweren Unwettern. Zahlreiche Flüsse (unter anderem der Rhein) traten über die Ufer. In der Schweiz schneite es im Juli bis in die Täler. Die Folgen der niedrigen Temperaturen und der anhaltenden Regenfälle in Teilen Europas waren Missernten. Am stärksten betroffen war das Gebiet unmittelbar nördlich der Alpen: Elsass, Deutschschweiz, Baden, Württemberg, Bayern und das österreichische Vorarlberg.

Schreckliche Folgen in Deutschland

„1816/17 war ein Mißjahr, wie es seit Menschengedenken nicht gewesen ist. Es hat gar keinen Wein gegeben. Von Hundert Garben Korn hat man 6 – 7 Simmer gedroschen. Gerste
und Hafer hat es ziemlich gegeben, aber die Gerste ist halb im Felde verfault und noch im
Korn war fast der zehnte Teil vergiftet. Wenn man Kornbrot aß, sind die Leute so toll geworden, daß sie umgefallen sind. […] Die Leute haben als von Kohlraben Brot
gebacken und von lauter Kleie.“ So beschreibt der Vorsteher Bartholomäus Horn im
Damscheider Gemeindebuch, eine Gemeinde in Rheinland-Pfalz, das Hungerjahr 1816/17. Durch stetigen Regen war das Getreide vom Mutterkorn befallen, das beim Verzehr Krämpfe, Halluzinationen und Durchblutungsstörungen verursacht und sogar zum Tode führen kann. All dies führte zu Krankheiten und rapide steigender Armut. Ansteigende Prostitution, Einbrüche und Diebstähle waren die Folgen. Immer mehr Bettler zogen durch das Land. Es kam zu Flüchtlingsströmen. Zur Erinnerung an diese Zeit wurden in Deutschland mancherorts sogenannte Hungertaler geprägt; auch andere Formen von Erinnerungsstücken sind bekannt.

Hungertaler 1816 1817

Hungertaler 1816/1817 aus Bayern

Not macht erfinderisch

Die Pferde starben aufgrund des Futtermangels. Wie konnte man nun lange Strecke hinter sich bringen? Der Badener Karl Drais entwickelte daher die Draisine und meldete sie 1817 zum Patent an. In Württemberg wurde eine landwirtschaftliche Unterrichtsanstalt gegründet, die jährlich eine Leistungsschau präsentierte, woraus später sogar die Universität Hohenheim in Stuttgart entstand. Der Chemiker Justus Liebig forschte eifrig und fasste schließlich die Grundlagen für Kunstdünger zusammen.

Eine Zeit für düstere Geschichten

Die britische Schriftstellerin Mary Shelley verbrachte den Sommer 1816 mit Freunden in der Nähe des Genfersees in der Schweiz. Sie besuchten öfters Lord Byron in der nahegelegenen Villa Diodati. Aufgrund des extrem schlechten Wetters konnten die Anwesenden oft das Haus nicht verlassen. So beschlossen sie, Schauergeschichten zu schreiben und den anderen vorzutragen. Shelley schrieb die Geschichte Frankenstein. Byrons Leibarzt John Polidori (1795–1821) verfasste Der Vampyr – eine Vampirgeschichte lange vor dem Entstehen von Bram Stokers Dracula. Lord Byron vollendete seine Geschichte nicht; er verarbeitete Eindrücke dieses Sommers in dem Gedicht Die Finsternis.

Mary Shelleys Frankenstein führt uns nach Ingolstadt

Was hat Frankenstein mit Ingolstadt zu tun? Neugierig? Erfahrt mehr darüber in unserem früheren Gruselfakt. Es bleibt spannend.

Frankenstein Ausgabe

Frankenstein (Ausgabe 1831)

Quellen: