Wer oder was ist das „Brockengespenst“?

Stellt euch vor: Ihr seid dabei den bekanntesten Berg im Harz zu besteigen, den Brocken. Ihr seid schon recht weit gekommen, doch langsam ziehen Nebelschwaden auf und die Wolkendecke wird immer dichter. Eure Sicht wird schlecht. Plötzlich bemerkt ihr jemanden hinter euch. Jemanden der euch verfolgt. Ihr erkennt jedoch nur einen schattenhaften Umriss. Die Panik steigt in euch auf. Warum sollte euch hier oben jemand verfolgen? Wenn ihr die Umrisse eures Verfolgers im Nebel betrachtet, sieht dieser übermenschlich groß aus. Aber warum ist dieser Mensch so riesig? Euer Puls geht schneller, ihr kämpft mit der Angst, bis sie zu groß wird und ihr der Angst nachgibt. Dann fangt ihr an zu rennen. Aber der Verfolger bleibt dicht hinter euch. Er ist riesig und so schnell wie ihr…

Euer Verfolger ist das „Brockengespenst“. Viele Wanderer und Kletterer sind ihm bereits begegnet. Doch beim Brockengespenst handelt es sich nicht um ein Gespenst, sondern um einen optischen Effekt, welcher 1780 zuerst auf dem Brocken beobachtet und beschrieben wurde:

„Wenn der Schatten des Beobachters auf eine Nebel- oder Wolken-Schicht fällt, wird der Schatten nicht durch eine feste Fläche abgebildet, sondern durch jeden Wassertropfen des Dunstes einzeln. Dadurch kann das Gehirn den Schatten nicht stereoskopisch sehen und überschätzt die Größe deutlich. Durch Luftbewegungen bewegt sich der Schatten, selbst wenn der Beobachter still steht. Dieses scheinbar eigene Wesen kann zudem schweben, ohne sichtbaren Kontakt zum Boden zu haben. Die anderen physikalischen Bedingungen auf dem Berg, kühle und feuchte Luft, Stille, sowie die fehlende Orientierung durch mangelnden Weitblick und fehlende Nachbarberge, verstärken den subjektiven Eindruck der scheinbaren Existenz eines Gespenstes.“

Häufig tritt durch einen anderen optischen Effekt, Glorie genannt, zusätzlich ein farbiger Lichtkranz um den Schatten auf. Dieser Effekt ist auch auf anderen Bergen oder auch bei Nebel im Licht von Autoscheinwerfern zu beobachten. Der Brocken bietet mit über 300 Nebeltagen im Jahr eine überdurchschnittliche Chance dazu.

Johann Wolfgang von Goethe hat den Brocken dreimal bestiegen und wurde von seinem eigenen Brockengespenst erschreckt – der Name der Lichterscheinung soll auch auf ihn zurückgehen.

Ein Beispiel für ein Brockengespenst: Brockengespenst

Künster, Herkunftsort und Entstehungsjahr dieser Zeichnung sind leider unbekannt:Brockengespenst / Farblithographie