Spuk in einer Braunschweiger Apotheke?!

Das Braunschweiger Stadtarchiv bekommt eine sehr alte Akte des ortsansässigen Untergerichts zugesandt, in der von einem Spuk um die Jahreswende 1797/98 berichtet wird. Ein mysteriöser Fall, der sich in der St. Aegidien-Apotheke zugetragen haben soll und bis heute nicht geklärt wurde.

Der Spuk soll am 9. Dezember 1797 begonnen haben. Der 18-jährige Auszubildende Nathaniel Höckel wurde in die zweite Etage der Apotheke geschickt, um etwas aus der Materialkammer zu holen. Dort angekommen soll er eine schaurige blasse Erscheinung mit tief liegenden Augen gesehen haben: Ein Mann mit gestreiften Schlafrock und gestreifter Mütze. Die Erscheinung soll sogar gelbe Pantoffel angehabt haben. Niemand glaubt dem Lehrlingsgesellen, bis zum 17. Dezember die Erscheinung wieder auftaucht. Nathaniel wird erneut in die zweite Etage geschickt. Diesmal wird er von der Erscheinung mit Austernschalen beworfen. Nathaniel holt Verstärkung. Auf sie alle regnet es Eicheln. Doch als sie dem Spuk auf den Grund gehen wollen, finden sie nichts und niemanden vor. Danach geht alles Schlag auf Schlag. Am nächsten Tag um 14 Uhr wird Nathaniel mit Krücken beworfen. Am 21. Dezember um 15 Uhr findet ein weiterer Lehrbursche namens Georg Trott  die Tür zum Materialraum von innen versperrt. Mit einem Gehilfen wird sie aufgebrochen: davor Steine und Taue, aber vom Geist ist keine Spur. Am 24. Dezember findet Georg den Pflasterschrank, der ca. 45 kg wiegt, von der Wand gerückt vor. Der Spuk greift nun auch auf den Keller über: Ochsengeschirr, Fässer, Steine, Beil, Säge, Holzfällerkarre – alles chaotisch durcheinander geworfen und schließlich fliegen um 14 Uhr wieder Krücken. Am zweiten Weihnachtstag ist die Tür ist mit schweren Koffern versperrt. Die Krüge mit destilliertem Wasser stehen verkehrt herum. Nathaniel kommt weinend und totenbleich nach unten: Er hat das Wesen im Schlafrock erneut gesehen. Dennoch fasst er nun Mut. Er will den Geist ansprechen und wagt sich erneut nach oben. In der Tat redet die mysteriöse Gestalt mit ihm und sagt: „Fürchte Gott und scheue niemand. Ich bin Becker [Becker ist der verstorbene Apothekenbesitzer], und hast Du Lust mit mir zu sprechen, so komme auf die Kräuterkammer“, zitiert Nathaniel den Poltergeist, der offenbar nur ihm erscheint. Der Grund: er sei der Mutigste in der Apotheke, so der Geist. Dem Jungen verkündet der tote Apotheker auch seine Botschaft: Er wolle jeden davor warnen, sich der Trunkenheit zu ergeben, und keiner solle seine Leute so behandeln, wie er es einst getan habe. Außerdem forderte der Geist von seiner Frau: Sie habe fünf Reichstaler an die Armen zu spenden. Dann – so gibt Nathaniel zu Protokoll – sei die Erscheinung unter die Decke gewachsen und verschwunden. Dort, wo ihn der Geist an der Wange mit zwei Fingern berührt habe sei ein roter Fleck zurückgeblieben…
Das Gericht versucht, das Rätsel zu lüften. Spukt wirklich ein Geist in der Apotheke? Am 2. Januar wird eine Untersuchung in der Apotheke vorgenommen – ohne Ergebnis. Hat Witwe Beckers Sohn aus erster Ehe den Spuk angezettelt, um die Apotheke günstig aufkaufen zu können? Spekulationen über Spekulationen. Am 9. Januar erklärt Nathaniel Höckel im Verhör: Er habe vorher nie an Geister geglaubt; jetzt aber glaube er unbedingt daran, und er sei bereit, seine Aussagen zu beeiden.

Die Akte gibt keine Auskunft darüber, ob die Sache aufgeklärt werden konnte. War es Schieberei um die Apotheke? Oder wollten die Lehrjungen sich rächen für ungerechte Behandlung durch den jetzigen Leiter der Apotheke oder die Witwe? Ihr Sohn jedenfalls kam tatsächlich später in den Besitz der Apotheke.

Der rätselhafte Fall ist ein kurioses Zeugnis Braunschweiger Stadtgeschichte. Irgendwann muss die Akte verschwunden sein – und sie wäre es bis heute, hätte nicht eine alte Dame aus Hamburg das grüne Heft an die Stadt geschickt. Sie hatte es in der Hinterlassenschaft ihres verstorbenen, Mannes gefunden und sandte es an die Stadt mit einem langen Brief und den Worten: „Ich bin schon sehr alt und will alles geordnet wissen…“ Im Stadtarchiv ist der Fall sicher gut aufgehoben unter der Signatur: H III 1/Akz. 2005/033:169.

Foto der Aegidien-Apotheke 1939, wo sich auch der Spuk ereignet haben soll. Heute existiert die Apotheke nicht mehr.
Aegidien-Apotheke

Quellen: