Sonntagskinder: Auf ihnen lastet ein alter Aberglaube

„sonntagskind, n. wer am sonntag geboren und daher nach dem volksglauben mit glück gesegnet und mit allerlei magischen kräften, namentlichder fähigkeit, geister und gespenster zu sehen, ausgestattet ist“

Aus: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig 1854-1961. Quellenverzeichnis Leipzig 1971. Online-Version vom 28.05.2017

Alter Aberglaube liegt auf dem Sonntagskind

Laut einem alten Aberglauben haben Sonntagskinder mehr Glück im Leben. Ihnen soll vieles mühelos gelingen, auch wenn sie sich nicht besonders anstrengen. Mit Reichtum und Schönheit sollen sie ausgestattet sein. Der oder die am Sonntag Geborene war bereits bei den Griechen und Römern als Glückskind bekannt. Die Römer nannten ihn ›fortunae filius‹ oder ›albae gallinae filius‹ = das Kind der weißen Henne, da weiße Tiere allgemein als glückbringend verehrt wurden (vgl. auch französisch ›C’est le fils de la poule blanche‹).

Zu den Eigenschaften der Sonntagskinder gehörte nicht nur, wie dies der heutige Sprachgebrauch suggeriert, die Fähigkeit, anderen Menschen Glück zu spenden und selbst glücklich zu sein. Vor einigen hundert Jahren, verbreitete sich der Glaube, Sonntagskinder seien geistersichtig. Sie konnten laut dem Aberglaube also Dämonen oder untote Wiedergänger, die den Normalsterblichen verborgen blieb, sehen oder riechen. Sonntagskinder sollen auch Zwerge erkennen können, die eine Tarnkappe trugen. Ferner wird ihnen nachgesagt, sie könnten hellsehen. Vor allem könnten sie den Tod von Verwandten und Bekannten voraussagen. Diese Fähigkeit hätten sie vom Teufel erhalten. Das machte den Menschen damals Angst und sie versuchten Sonntagskinder zu meiden.

Woher kommt dieser Aberglaube?

Ursprünglich müsste die Bezeichnung „Samstagskind“ lauten, denn sie bezog sich auf Menschen, die an einem Samstag geboren wurden und deshalb über bestimmte magische Kräfte und Fähigkeiten verfügten. Der Samstag, das heißt, der jüdische Sabbat wurde bis ins frühe Mittelalter als der geheiligte Wochentag gefeiert, und die an diesem Tag geborenen Kinder waren in besonderer Weise gesegnet. Erst im 13. Jahrhundert wurde der geheiligte Wochentag im Einflussbereich der römischen Kirche endgültig und verbindlich vom jüdischen Sabbat auf den Sonntag verlegt, weil der Unterschied zwischen Judentum und Christentum auch hierdurch verdeutlicht werden sollte. Der Glaube, dass die am heiligen Wochentag geborenen Kinder besonders begabt seien, blieb bestehen, und so entstand der Begriff „Sonntagskinder“. Auch sie waren ursprünglich in der Lage, dämonische Wesen zu erkennen und zu bekämpfen bzw. durch ihre immanenten Kräfte im Grab zu bannen.

Darstellung von Francesco Maria Guazzo aus dem Jahr 1626 – Hexen übergeben dem Teufel ein Baby – Sonntagskindern wurde nachgesagt mit dem Teufel im Bunde zu sein

Aussterbende Art

Es heißt Ärzte und Hebammen, bevorzugen eine geplante Geburt außerhalb von Feiertagen und Wochenenden, unter anderem weil eine Wochenendegeburt kostspieliger ist als eine Entbindung in der Woche. Der Biologe Alexander Lerchl von der International University Bremen fand heraus, dass immer weniger Sonntagskinder geboren werden. Schuld daran sei die moderne Medizin, die vieles planbarer macht. Es kann sogar soweit führen, dass bald gar keine Kinder mehr an einem Sonntag geboren werden. Lerchl behauptet, das noch bis 1950 an Sonntagen fünf Prozent mehr Kinder geboren wurden, als an anderen Wochentagen.

Quellen: