Post aus der Hölle auf Erden – Der Junius-Brief

Im 17. Jahrhundert wütete die Hexenverfolgung in Bamberg. In Bamberg sterben in der Verfolgungswelle bis 1632 etwa 1.000 vermeintliche Hexen und Hexer. Das ist fast jeder zehnte Bewohner. Es kann davon ausgegangen werden, dass darunter circa 25% Männer waren. Es gab ein eigens erbautes Hexenhaus, wo ein extra dafür angestellter Scharfrichter die angeblichen Teufelsanbeter folterte. Drei Hexenkommissare begutachteten die Gefolterten und notierten deren Aussagen.

In Bamberg war niemand vor der Folter und dem Tod auf dem Scheiterhaufen sicher. Eifersüchtige Nachbarn, abgelehnte Verehrer oder Neider, welche es auf das politische Amt einer Person oder deren Geld abgesehen hatten, denunzierten unschuldige Menschen, um sich zu rächen oder zu bereichern.

Ein Brief aus der Hölle auf Erden

Die Aufzeichnungen von der Folter sind natürlich einseitig – nur die Hexenkommissare beschrieben die Situation. Doch es gelang dem damaligen -als Hexer angeklagten- Bamberger Bürgermeister Johannes Junius einen Brief heimlich aus der Gefangenschaft an seine Tochter zu schicken, während er mehrere Tage lang gefoltert wurde.

Schon seine Frau wurde vorher gefoltert und als Hexe verurteilt. Im Juni 1628 wird auch er des Verdachts bezichtigt, mit dem Teufel im Bunde zu sein. Nach sechs Tagen der Folter ist Junius Widerstand gebrochen. Er gesteht ein Hexer zu sein. Junius wird weiter gefoltert, bis er Namen von anderen angeblichen Hexen und Hexern nennt.

Im Juli schreibt Junius heimlich einen Brief an seine Tochter. Höchstwahrscheinlich hat der Brief jedoch nie seine Tochter erreicht, dennoch ist er erhalten geblieben. So kann sich die Nachwelt ein Bild der schrecklichen Ereignisse aus dem Folterkeller machen.

Der Junius-Brief

An dem Brief hat Junius mehrere Tage geschrieben, da er aufgrund der Folter seine Hände nicht gut benutzen konnte. Der Brief ist aber dennoch sehr lang. Wir stellen euch den Brief deswegen in Auszügen dar und haben ihn in Abschnitte gegliedert.

Ausschnitt des Junius-Briefes von 1628 – Quelle: Staatsbibliothek Bamberg

Keine Chance auf einen positiven Ausgang

Bamberg 1628
Hunderttausendmal gute Nacht, herzliebe Tochter Veronika! Unschuldig bin ich in das Gefängnis gekommen, unschuldig bin ich gefoltert worden, unschuldig muss ich sterben. Denn wer in dieses Haus kommt, der muss ein Hexer werden, oder er wird so lange gefoltert, bis er etwas erdichten muss und sich erst, Gott erbarme es, etwas ausdenken muss. […]
ich sollte es freiwillig bekennen oder der Henker würde mich wohl zwingen. Ich gab zur Antwort, ich habe Gott niemals verleugnet, und ich werde es auch nicht tun. Gott solle mich auch gnädig davor behüten. Ich wollte eher alles ausstehen, was ich sollte.

Die Folter beginnt

Hierauf kam leider, Gott erbarme es im höchsten Himmel, der Henker und hat mir den Daumenstock angelegt und beide Hände zusammengebunden, bis das Blut zu den Nägeln und überall sonst heraus drang, so dass ich die Hände 4 Wochen nicht habe gebrauchen können, wie du es aus dem Schreiben ersehen kannst. […] Danach hat man mich erst aufgezogen, die Schmerzen lindern, Hände auf den Rücken gebunden und mich in der Folter in die Höhe gezogen. Da dachte ich, Himmel und Erde gingen unter. Sie haben mich auf diese Weise sechs Mal aufgezogen und wieder fallen lassen, so dass ich einen unseligen Schmerz empfand. Und dies ist alles splitternackt geschehen, denn sie haben mich splitternackt ausziehen lassen. Als mir nun unser Herrgott geholfen hat, habe ich zu ihnen gesagt, verzeihe Euch Gott, dass Ihr einen ehrlichen Mann so unschuldig quält. Ihr wollt ihn nicht allein um Leib und Seele, sondern auch um Hab und Gut bringen. […] Nur wenn es so zugeht, dann wird kein ehrlicher Mann in Bamberg sicher sein, Ihr genausowenig wie ich oder irgendein anderer. […] Ich habe mich die ganze Zeit über weder anziehen noch die Hände gebrauchen können, ganz abgesehen von den anderen Schmerzen, die ich ganz unschuldig erleiden muss.

Henkers Rat

Als nun der Henker mich wieder in das Gefängnis führte, sagte er zu mir: Herr, ich bitte Euch, um Gottes willen, bekennt etwas, sei es nun wahr oder nicht! Denkt Euch etwas aus, denn Ihr könnt die Marter nicht ausstehen, die man Euch antut. Und wenn Ihr sie auch alle aussteht, so kommt Ihr doch nicht frei, selbst wenn Ihr ein Graf wäret, sondern es folgt eine Folter auf die andere, bis Ihr sagt, Ihr seid ein Hexer, und bis Ihr etwas bekennt. Erst dann lässt man Euch zufrieden,
[…] Sie hätten die Henker schon zusammengerufen und wollten mich wieder peinigen. Er bitte auch, um Gotteswillen, ich sollte mir etwas ausdenken, denn selbst wenn ich ganz unschuldig wäre, so käme ich doch nicht wieder frei. […] So habe ich [darum] gebeten, weil es mir sehr schlecht ginge, sollte man mir einen Tag Bedenkzeit geben und einen Priester. Der Priester wurde mir abgeschlagen, aber die Zeit, mich zu bedenken, wurde mir gegeben.

Zum Lügen erzählen gezwungen

Nun, herzliebe Tochter, was meinst du, in was für einer Gefahr ich gestanden habe und [noch] stehe. Ich sollte sagen, ich sei ein Hexer und bin es nicht! Ich soll Gott erst verleugnen, ich habe es zuvor nicht getan. Ich habe Tag und Nacht sehr mit mir gerungen, schließlich kam mir in der Nacht im Gebet die Eingebung, ich sollte unbekümmert sein. Da ich keinen Priester habe [bekommen] können, mit dem ich mich beraten konnte, sollte ich mir etwas ausdenken und es einfach sagen. […] Und dies ist meine Aussage, wie folgt, sie ist aber gänzlich erlogen. Nun folgt, herzliebes Kind, was ich ausgesagt habe, wodurch ich der großen Marter und der harten Folter entgangen bin, welche ich unmöglich länger hätte ausstehen können. […] Alles, was jetzt folgt, ist meine Aussage, mit lauter Lügen, die ich angesichts der drohenden großen Folter machen musste und worauf ich sterben muss.

Junius erlogene Aussage

Nach dieser Aussage sei ich auf mein Feld beim Friedrichsbrunnen gegangen, [und] ganz bekümmert habe ich mich dort niedergesetzt. Da sei eine Grasmagd zu mir gekommen und habe gesagt: Herr, was macht Ihr? Warum seid Ihr so traurig? Ich habe darauf gesagt, ich wüsste es nicht. Also hat sie sich näher an mich herangemacht und hat mich dahin gebracht, dass ich bei ihr gelegen hätte [Anmerkung: bei ihr gelegen habe = Sex]. Sobald dieses geschehen ist, ist sie zu einem Geißbock geworden und hat zu mir gesagt: Siehe, jetzt siehst du, mit wem du es zu tun hast. Sie hätte mir an die Gurgel gegriffen und gesagt: Du musst mein sein oder ich will dich umbringen! Da hätte ich gesagt: Behüte mich Gott davor! Da ist er verschwunden und bald wiedergekommen und hat zwei Frauen und zwei Männer mitgebracht. Ich sollte Gott verleugnen, also hätte ich es getan und Gott und das himmlische Heer verleugnet. Daraufhin hätte er mich getauft, und die zwei Frauen wären die Taufpaten gewesen. […]

Zwang andere zu denunzieren

Nun vermeinte ich, ich hätte es überstanden, da stellte man mir erst den Henker zur Seite. Wo ich auf den Tänzen gewesen wäre? Da wusste ich weder ein noch aus und besann mich, dass der Kanzler und sein Sohn und die Hopfen-Else die alte Hofhaltung, die Ratsstube und das Hauptsmoor genannt hätten – und was ich sonst noch bei den Urteilen verlesen gehört habe, diese Orte nannte ich auch. Danach sollte ich sagen, was ich für Leute dort gesehen hätte. Ich sagte, ich hätte sie nicht gekannt. Du alter Schelm, ich muss dir den Henker auf den Hals jagen! Rede weiter!
Ist der Kanzler nicht da gewesen? Da sagte ich ja.
Wer noch? Ich hätte niemanden gekannt. Da sagte er: Nimm dir eine Gasse nach der anderen vor, geh zuerst den Markt hinauf und wieder hinunter. Und somit habe ich etliche
Personen nennen müssen. Danach folgte die Lange Gasse. Ich wusste niemanden, ich habe dennoch 1 Person von dort nennen müssen, danach für den Zinkenwörth auch eine Person. Danach von der Oberen Brücke bis zum Bergtor auf beiden Seiten. Da wusste ich auch niemanden. Ob ich niemanden in der Burg wüsste, es sei egal wer, ich sollte ihn ohne Scheu nennen. Und so haben sie mich weiter nach allen Gassen befragt, doch habe ich nichts mehr sagen wollen noch können. Da haben sie mich dem Henker übergeben, der sollte
mich ausziehen, mir die Haare abschneiden und mich auf die Folter ziehen. […] Danach
sollte ich sagen, was ich für Übel gestiftet habe. Ich sagte nichts, [der Teufel] hat es wohl von mir verlangt, aber da ich es nicht tun wollte, hat er mich geschlagen. Zieht den Schelm auf! Da habe ich gesagt, ich hätte meine Kinder umbringen sollen, daher hätte ich stattdessen ein Pferd umgebracht.  […]

Vor der Folter ist niemand sicher

Nun, herzliebes Kind, da hast du alle meine Aussagen und ihren Verlauf, auf die ich sterben muss. Und es sind lauter Lügen und erfundene Sachen, so wahr mir Gott helfe. […] Denn sie lassen mit dem Foltern nicht nach, bis man etwas sagt. Man kann so fromm sein, wie man will, man wird doch zum Hexer. Es kommt auch niemand frei, selbst wenn er ein Graf wäre, und wenn Gott kein Mittel schickt, so dass die Wahrheit an den Tag kommt, wird die ganze Familie verbrannt.
Denn es muss ein jeder Leute denunzieren, wenn man auch nichts von jemandem
weiß, so wie ich es tun musste. […]

Angst um seine Tochter

Herzliebes Kind, ich weiß, dass du so fromm bist wie ich. Dennoch wurdest du schon etliche Male besagt [Anmerkung: besagt = als Hexerin denunziert], und wenn ich dir einen Rat geben soll, so solltest du dem , was du an Geld und Briefen hast, nehmen, und dich etwa ein halbes Jahr auf eine Wallfahrt begeben […].
Das rate ich dir, bis man sieht, worauf es hinausläuft. Denn so mancher ehrliche Mann und manche ehrliche Frau geht in Bamberg in die Kirche und zu seinen anderen Geschäften. Er weiß nichts Böses [und] hat ein gutes Gewissen, genau wie ich bisher, wie du weißt, bis
zu meiner Gefangennahme. […] Liebes Kind, dieses Schreiben halte verborgen, damit es nicht unter die Leute kommt, sonst werde ich dermaßen gefoltert, dass es zum Erbarmen ist, und die Wächter würden geköpft, so sehr ist es verboten. […]

Sterbegruß – Tausendmal gute Nacht

Ich habe etliche Tage an diesem Schreiben geschrieben, es sind meine Hände ganz
lahm, ich bin halt gar übel zugerichtet. Ich bitte dich um des Jüngsten Gerichts willen, halte das Schreiben in guter Obhut und bete für mich als deinen Vater, für einen wahren Märtyrer. Nach meinem Tod tue, was du willst, doch hüte dich, dass du das Schreiben nicht bekannt machst. […] Du darfst [getrost] darauf schwören, dass ich kein Hexer, sondern ein Märtyrer bin, der hiermit stirbt. Tausendmal gute Nacht, denn dein Vater Johannes Junius sieht dich nimmermehr.

24. Juli 1628

Tod auf dem Scheiterhaufen

Am 6. August 1628 wurde Johannes Junius auf dem Scheiterhaufen hingerichtet.

Kupferstich einer Folter bei der Hexenverfolgung in Bamberg ©Stadt Bamberg

Quellen: