Oben feiern – unten sterben

Jeder kennt sie: Die Großen Freiheit im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Es ist die bekannteste Partymeile in Hamburg mit Clubs, Bordellen, Schnellimbissen und Bars. Versteckt zwischen all dem Trubel und den feiernden Menschen liegt die katholische St. Joseph-Kirche.

St. Joseph-Kirche in Hamburg, St. Pauli CC BY-SA 3.0 by PodracerHH

Bereits 1660 begann die ansässige Gemeinde mit dem Bau einer Kapelle vor Ort. Durch einen Brand und Kriege wurde die Kapelle immer wieder zerstört, weshalb sie neu und teilweise größer aufgebaut wurde.

Der Tod unter der Kirche

Während um das Gotteshaus herum das Leben tobt, hat der Tod einige Meter unter der Kirche ein Gesicht bekommen. Seit Herbst 2015 hat die St. Joseph-Gemeinde nun auch ein Beinhaus, welches am katholischen Fest Allerseelen, den 2. November 2015 vom Pfarrer gesegnet wurde. In der Gruft befinden sich die Gebeine von rund 350 Toten, welche zunächst zwischen 1719 und 1871 unter dem Gotteshaus in Särgen bestattet worden sind.

Beinhaus unter der St. Joseph-Kirche in Hamburg

Die Gebeine der Verstorbenen wurden seit 2008 von einem Archäologenteam geborgen. Aber anstelle einer Bestattung in einem Massengrab auf einem Friedhof, wollte die Gemeinde den Toten eine bessere Ruhestätte bieten. So entstand die Idee für ein Beinhaus. Eine Gruft gab es jedoch schon länger unter der Kirche. Der Eingang wurde aber in den 50er Jahren zugemauert. Für die Einrichtung des Beinhauses entstanden Kosten in Höhe von 400.000 Euro, welche das Erzbistum übernommen hat, doch auch die Pfarrei St. Joseph beteiligt sich.

Der Andachtsraum mit allerhand weiteren Fundstücken

Vor dem Beinhaus befindet sich ein Andachtsraum, in dem eine kleine Ausstellung ist. In dieser Ausstellung erfährt jeder Gast, was die Archäologen neben den Gebeinen an Gegenständen fanden. Darunter sind Hinweise auf die Bestatteten, wie etwa auf Metalltafeln. Aber auch Zähne, Zahnersatz und Stiftzähne, was für damalige Verhältnisse recht ungewöhnlich ist, wurden ausgegraben. Auch Kinderspielzeug lagerte in der Gruft. Kämme und Schwämme fanden sich einst in den Särgen: „Sie dienten zur Herrichtung der Toten und durften dem Volksglauben nach anschließend nicht mehr von Lebenden genutzt werden“, erläuterte Andreas Ströbl, ein Archäologe. Außerdem wurden allerhand katholische Grabbeigaben, wie Rosenkränze und Kruzifixe gefunden.

Schwarzmarkthändler in der Gruft

Von 1719 bis 1886 wurden im Gruftgewölbe von St. Joseph viele katholische Emigranten, Adelige und Kleriker bestattet. Ursprünglich standen 286 Särge in den fünf Gruftkammern. Als die Kirche im 2. Weltkrieg zerstört wurde, benutzten Schwarzmarkthändler und Plünderer die Gruft als Versteck. Wertvollen Sargbeschläge und Inschrifttafeln wurden gestohlen, die Sargbretter dienten als Brennholz und Regenwasser sorgte dafür, dass die Särge zu schimmeln begannen. Mit dem Wiederaufbau der Kirche 1953 wurden die Reste der Särge und Gebeine dann unter der neuen Kirche eingemauert. Die Archäologen stießen  bei den Ausgrabungen auch auf den ältesten Friedhof von St. Joseph, der die erste Kapelle 1660 umgab und auf dem die neue Kirche angelegt wurde.

Besucher willkommen

Laut der Internetseite der St. Joseph-Gemeinde steht das Beinhaus interessierten Gästen offen. Es können Führungen für Gruppen auf Anfrage gebucht werden. Mit dem Beinhaus will die Kirche an die Vergänglichkeit allen Lebens erinnern.

Quellen: