Die 67 Exorzismen an der Anneliese Michel

Anneliese Michel wurde am 21. September 1952 in Bayern geboren und wuchs in einem streng katholischen Elternhaus auf, weshalb sie schon als Kind sehr fromm war. Sie starb mit 23 Jahren an Unternernährung. Ihr Todesfall erregte aber große mediale Aufmerksamkeit, weil vor ihrem Tod zwei katholische Priester 67 Mal den großen Exorzismus an ihr vollzogen hatten.

Der Gesundheitszustand der Michel war zeitlebens labil. Im September 1968 erlitt Michel einen ersten Krampfanfall und weitere epileptische Anfälle folgten. Kurze Zeit später erkrankte sie an einer Lungenentzündung sowie Tuberkulose, woraufhin sie sechs Monate zur Behandlung in ein Lungensanatorium kam. Hier sollen ihr erstmals teuflische Fratzen erschienen sein. Nach der Rückkehr aus dem Sanatorium musste sie aufgrund der versäumten Unterrichtszeit in eine neue Schulklasse wechseln. Als Folge vereinsamte sie zusehends und litt unter Depressionen. Michels Pubertät war durch das strenge Elternhaus geprägt: Ihre Mutter verbot aufgrund ihrer Moralvorstellungen Michel mit 16 Jahren den Umgang mit dem ersten Freund, das Tanzengehen und Besuche bei Freundinnen. Im Frühjahr 1973 soll Michel erstmals über ein beständiges Klopfen im Schrank, unter dem Fußboden und über der Zimmerdecke geklagt haben; zudem hätten Stimmen zu ihr aus der Hölle gesprochen. Ab November 1973 war sie in Behandlung an der Würzburger Universitäts-Nerven- und Poliklinik. Bei der Untersuchung gab sie an, seit 1972 an fast täglichen Anfallszuständen zu leiden. Bei den Untersuchungen fand sich ein Hinweis auf eine Hirnschädigung im linken Schläfenbereich, welche sehr wahrscheinlich der Ausgangspunkt der Anfälle war.

Die Leiterin einer Wallfahrt, in dem von der katholischen Kirche nicht anerkannten Wallfahrtsort San Damiano, glaubte, in Michel spirituelle Probleme zu erkennen, daher stellte sie unter anderem den Kontakt mit dem Pfarrer Ernst Alt her. Aufgrund der Gespräche zwischen Anneliese Michel und dem Pfarrer Alt, stellte Alt die spirituelle Diagnose der Umsessenheit. Am 1. Juli 1975 sprach Alt einen ersten Exorzismus über sie, worauf sie mit dem Zerreißen des Rosenkranzes reagiert haben soll. Als ein weiterer Exorzist wurde Pater Arnold Renz bestimmt. Etwa zu dieser Zeit zog sich Michel erstmals in das Haus ihrer Eltern zurück. Seit dem verschlechterte sich der Geisteszustand Michels rapide: Sie fand kaum Schlaf, litt unter starkem Bewegungsdrang, schrie und tobte, begann zu fasten, aß jedoch Insekten und trank Urin. Pfarrer Alt  befürwortete jedoch auch eine Einweisung in eine Nervenklinik, was für Michel und deren Eltern inakzeptabel gewesen sei. Am 16. September 1975 ordnete der damalige Bischoff schließlich den großen Exorzismus an. Insgesamt wurden ab dem ersten großen Exorzismus am 24. September 1975 bis zum Tod Michels Anfang Juli 1976 an ihr 67 exorzistische Sitzungen vorgenommen, wobei ab der zweiten Sitzung ein Tonbandgerät mitlief. Aus den Tonbandaufzeichnungen geht hervor, dass Michel mit stark veränderter Stimme sprach und immer wieder spontane Schreie ausstieß. Sie benutzte grob unflätige Ausdrücke, welche die Exorzisten Dämonen zuschrieben. Die Exorzisten wollen die Besessenheit Michels durch Luzifer sowie Judas, Nero, Kain, Hitler und einen gefallenen Priester namens Fleischmann festgestellt haben. Mit Beginn der Fastenzeit am 3. März 1976 stellte Michel die Nahrungsaufnahme gänzlich ein. Sie behauptete hierzu, Stimmen hätten ihr das Essen verboten. Der geistige und körperliche Zustand verschlechterte sich ab diesem Zeitpunkt dramatisch. Zudem marterte sie sich, indem sie zum Beispiel stundenlang kniete oder den Kopf auf den Boden schlug. Ab Mitte April 1976 konnte Michel das Bett nicht mehr verlassen. Michel brachte sich in dieser Zeit nach den Aussagen der Anwesenden auf vielfältige Weise schwere Verwundungen bei. So versuchte sie zum Beispiel Löcher in die Wand zu beißen, wobei sie sich einen Zahn abbrach. In den letzten Wochen ihres Lebens wurde Michel zeitweise ans Bett gefesselt, um weitere Verletzungen zu verhindern. In dieser Zeit bis zu ihrem Tod glaubte Michel, die Wundmale Jesus Christus an sich zu erkennen.  Aller Wahrscheinlichkeit nach beruhten sämtliche sichtbaren Verletzungen auf Selbstgeißelungen oder unkontrollierten Handlungen während spontaner Anfälle. Die Verletzungen sind auf vielen Fotos dokumentiert.

Am 30. Juni 1976 wurde letztmals der Exorzismus an Michel durchgeführt. Sie starb am 1. Juli 1976 an den Folgen des schlechten Ernährungszustands und der hochgradigen Abmagerung. Bei der Obduktion wurde zudem eine Lungenentzündung festgestellt, die ihren Zustand in der Endphase wohl weiter kompliziert hatte.

Das Ermittlungsverfahren wegen der ungeklärten Todesursache Michels wurde von der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Aschaffenburg noch an deren Sterbetag eröffnet. Anlass hierfür war ein Anruf von Pfarrer Alt unmittelbar bei den Ermittlungsbehörden. Dabei teilte er mit, dass eine junge Frau verstorben sei, welche seit einigen Monaten exorziert worden sei.

Ferner erfolgte die Exhumierung der Verstorbenen. Zur Begründung des Schritts gaben die Eltern Michels an, dass der Leichnam aus dem zur Bestattung verwendeten hölzernen Kindersarg in einen mit Zink ausgeschlagenen Eichensarg umgebettet werden solle. Im Hintergrund stand vermutlich auch die Behauptung einer Laienschwester, Anneliese Michel sei ihr erschienen und habe angekündigt, dass ihr Körper unverwest sei. Bei der Verlegung in einen anderen Sarg wurden aber deutliche Verwesungsspuren erkannt.

Nachdem die Anklageschrift im Juli 1977 bei Gericht eingegangen war, begann das Verfahren, das als Aschaffenburger Exorzismus-Prozess weltweit bekannt wurde. Der Tod Michels hätte nach Feststellung des Gutachters durch rechtzeitige Hinzuziehung eines Arztes, später durch medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung, zuletzt durch die Einleitung einer Zwangsernährung verhindert werden können. Auch hinsichtlich der Angeklagten fand eine Begutachtung statt. Dabei stellte der Erstgutachter fest, dass bei allen vier Angeklagte, die Eltern und die zwei Priester Alt und Renz, eine stark ausgeprägte Religiosität vorliege, die zu der subjektiven Wahrnehmung geführt habe, dass Michel nur durch göttliche Hilfe zu retten gewesen sei. Das Gericht verurteilte sowohl die Eltern als auch Renz und Alt am 21. April 1978 jeweils zu sechsmonatigen Haftstrafen, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurden. Das Gericht warf den Angeklagten vor, sie hätten für medizinische Hilfe sorgen und einen Arzt hinzuziehen müssen. In der mündlichen Begründung des Urteils soll das Gericht gesagt haben: „Anneliese Michel war nicht besessen. Sie war seit dem 1. Mai 1976 geisteskrank.“

Exorzismus im Gemälde des Heiligen Franziskus von Borgia. WikimediaExorzismus