Wunderblut

Im brandenburgischen Ort Bad Wilsnack steht die evangelische Kirche St. Nikolai. Diese Kirche hat eine blutige Geschichte, weshalb sie auch als als Wunderblutkirche bezeichnet wird.

Wunderblutkirche in Bad Wilsnack – Foto aus dem Jahr 2007 von MrsMyerDE – Wikimedia Commons

Bad Wilsnack ist heutzutage ein kleiner Ort mit nur ungefähr 2.500 Einwohnern, dennoch war die Kirche von Ende des 14. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts eines der bedeutendsten Wallfahrtsziele Europas. Wie kam es dazu?

Die Legende um die Wunderbluthostien

Im Sommer 1383 wurde der Ort zum Schauplatz wundersamer Ereignisse, die das Dorf für anderthalb Jahrhunderte aus seiner Abgeschiedenheit rissen.

Während die Wilsnacker beim Havelberger Kirchweihfest weilten, steckte der Ritter Heinrich von Bülow den Ort in Brand. In der folgenden Nacht, soll der Ortspfarrer Johannes geträumt haben, drei hinter dem Altar liegende geweihte Hostien, also Oblaten für das Abendmahl, riefen ihn. Als der Pfarrer zu der ausgebrannten Kirche eilte, fand er dort die Hostien unversehrt vor, jedoch sahen sie aus, als wären sie in Blut getränkt – ein Wunder! Der Bischof von Havelberg bestätigte das „Wunder“ – und zog damit alsbald Heerscharen von Pilgern aus dem ganzen christlichen Abendland in sein Gebiet. Das „Heilige Blut von Wilsnack“, verbreitete sich die Kunde, könne alle Leiden heilen. Schon bald ereigneten sich weitere Wunder und mehrten den Ruhm des Heiligen Blutes. Aus Deutschland, Böhmen, Ungarn, Polen, Skandinavien, den Niederlanden und anderen Ländern pilgerten die Menschen zum Heiligen Blut, um Hilfe in körperlichen oder seelischen Nöten zu erfahren. So wurde die Kirche zu einem der wichtigsten Wallfahrtsziele Mitteleuropas.

Beispiel einer Bluthostie – Die Bluthostie von Cascia im Reliquarium von 1930

Der Wohlstand kam ins Dorf

Mit den Pilgern kam der Wohlstand. Der Ort entwickelte sich zu einer blühenden Wallfahrtsstadt, deren gesamtes Wirtschaftsleben auf den Pilgerverkehr ausgerichtet war. Mit allem wurde Geld verdient. So gab es eine „Sündenwaage“, die bei Opfergaben Absolution erteilte. Geweihte „Bleierne Hostien“ erbrachten als „Pilgerzeichen vom Heiligen Blut“ beträchtliche Summen. Die Spendenflut war so groß, daß für die Bluthostien eine prächtige Hallenkirche gebaut werden konnte. Der Augenzeuge Ludecus überliefert, dass Wilsnack, noch im 16. Jahrhundert vorwiegend aus Herbergen und Gasthöfen bestand – eine Infrastruktur, die den Ort des Öfteren zum Schauplatz von Fürsten- und Städtetagen werden ließ.

Wunderhostien sind Teufelsspuk

Doch das Wunder war innerkirchlich umstritten. Der deutsche Kardinal Nikolaus von Kues (1401-1464) war grundsätzlich gegen Wunderhostien aller Art und wollte die Wallfahrt verbieten, aber er konnte sich angesichts des Pilgerbooms nicht durchsetzen. Martin Luther wetterte jedoch 1520 in seiner Schrift „An den christlichen Adel Deutscher Nation“, Wilsnack solle „bis auf den Grund zerstöret“ werden. Der lutherische Gemeindepfarrer Johann Ellefeld in Wilsnack glaubte auch nicht an die Wunderhostien und deklarierte sie als „Teufelsspuk“. Im Jahr 1552 verbrannte er sie deshalb. Damit versiegten auch die Pilgerströme.

Quellen:

Salz – Der Stoff aus dem der Aberglaube ist

Woher kommt es, dass so viele Aberglauben mit Salz zu tun haben? Wir gehen heute dem Aberglaube um das Salz auf den Grund.

„Salt“  Foto von furtwangl auf Flickr (CC BY 2.0)

Warum gerade Salz?

Salz wird auch als „Weißes Gold“ bezeichnet. Auch wenn es Salz heute sehr günstig zu kaufen gibt, war dies nicht immer so. Einst war Salz sehr teuer. Wer in dessen Besitz war, war reich und hatte Macht.

Sogar in der Bibel gibt es verschiedene Passagen, in denen dem Salz eine wichtige Rolle beigemessen wird. So heißt es beispielsweise im Evangelium nach Matthäus 5,13:

Vom Salz der Erde und vom Licht der Welt
Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten. […]

Auch laut Paracelsus (vermutlich geb. 1493  gest. 24. September 1541 in Salzburg damals berühmter Arzt, Alchemist, Astrologe, Mystiker und Philosoph) machten den menschlichen Körper drei Grundsubstanzen aus: Schwefel (Sulphur), Quecksilber (Merkurius) und Salz (Sal). Krankheiten konnten laut Paracelsus nur geheilt werden, wenn das Gleichgewicht dieser drei Substanzen wieder hergestellt ist.

So liegt es nicht fern, dass dem Salz darüber hinaus über die Jahrhunderte viele mystische Eigenschaften zugesprochen wurden.

Den Teufel vertreiben

Aufgrund seiner heilenden und konservierenden Wirkung sprach man dem Salz im Mittelalter die Kraft zu, Dämonen oder den Teufel zu vertreiben. Es galt als Schutzsymbol und sicherte Glück und Reichtum. Salz unvorsichtigerweise zu verschütten brachte Unglück. Dieses konnte man aber bannen, indem man etwas des verschütteten Salzes über die linke Schulter warf. Das vertrieb den Teufel, der erschienen war, um den Menschen etwas Böses einzuflüstern.

Sobald der Mensch feststellte, dass diese Nahrungsmittel die Gesundheit erhalten und fördern, schrieb er ihnen heilende Kräfte zu. Weil Salz und Brot das Böse bannen sollte, streute oder legte man es überall dorthin, wo der Teufel Einfluss nehmen könnte. Im Stall hing man Brot und Salz gegen Hexen auf. Man bot es dem Gast an, brachte es selbst zum Besuch mit oder steckte es der Braut in die Schuhe.

Als Geschenk beim Einzug

Noch heute kennen viele Menschen den Brauch, Salz und Brot beim Einzug zu verschenken. Das Salz als Mitbringsel soll einen Mangel an Lebensmittel in dem Haus verhindern. Beides zusammen steht für künftiges Glück und Segen im neuen Heim. Früher wurden beide Lebensmittel außerdem mit Wohlergehen, Sesshaftigkeit und Gemeinschaft in Verbindung gebracht. Germanische Volksstämme sahen in Brot und Salz kostbare Geschenke der Natur. Die kraftspendende Wirkung und die Abwehr des Bösen sind dabei nicht voneinander zu trennen. Brot und Salz sollten außerdem vor Drachen und Hexen schützen. Die Hexe sei Feindin des Brotes und habe keine Macht darüber, besonders wenn es mit dem Kreuz gezeichnet ist.

Dass sich christlicher Glaube und uraltes Gut zum Teil überlagert haben, zeigt sich in der Tradition, dem Täufling Brot und Salz vor der Taufe zu geben, um ihn vor Dämonen zu schützen. Aber nicht nur zu Beginn des Lebens, auch über den Tod hinaus wird Salz Wunderkraft zugesprochen. So gibt man es mancherorts auch heute noch den Toten als Grabbeigabe mit.

„Salts“ Shop in Portland – Foto von fredo auf Flickr (CC BY-ND 2.0)

Der verliebte Koch

Ein versalzenes Essen, soll bedeuten, dass der Koch oder die Köchin verliebt ist.

Der Grund für diesen Aberglauben findet sich in der Antike. Salz wurde als Rohstoff für ein Aphrodisiakum benutzt. Die Griechen glaubten, dass zu wenig Salz die männliche Potenz beeinträchtige. Verliebte zielten also darauf ab, durch viel Salz im Essen die sexuelle Lust zu steigern.

Quellen:

Pommerland ist abgebrannt

Wir kennen alle das Wiegenliedes „Schlaf, Kindlein, schlaf“. Es ist ein mehrstrophiges Lied, das Kindern vor dem Einschlafen zur Beruhigung gesungen wird. Die älteste überlieferte Textfassung stammt aus dem Jahr 1611 und besteht lediglich aus der ersten Strophe.

Schlaf, Kindlein, schlaf,
Der Vater hüt die Schaf,
Die Mutter schüttelts Bäumelein,
Da fällt herab ein Träumelein.
Schlaf, Kindlein, schlaf!

Maikäfer flieg

Die heute verbreitete Melodie des Wiegenliedes wurde von Johann Friedrich Reichardt 1781 nach einer Volksweise komponiert und auch für „Maikäfer flieg“ verwendet.
Doch was ist „Maikäfer flieg“ für ein Lied?
„Maikäfer flieg“ ist ein deutschsprachiges Volks- und Kinderlied, welches die Kriegsträgodie widerspiegelt und gesichert in mehreren Variationen seit etwa 1800 auftaucht. Es wird in der Melodie von „Schlaf, Kindlein, schlaf“ gesungen.

Im heutigen Niedersachsen lautete der Text laut der Volks-Sagen von Otmar (1800):

Maykäfer, flieg!
Der Vater ist im Krieg.
Die Mutter ist im Pommerland.
Und Pommerland ist abgebrandt.

Im heutigen Hessen lautete der Text laut „Des Knaben Wunderhorn“ (1806):

Maykäfer flieg,
Der Vater ist im Krieg,
Die Mutter ist im Pulverland,
Und Pulverland ist abgebrannt.

In Thüringen existierte eine Variante, die allerdings eine andere Melodie hatte:

Marienkäfer fliege,
dein Vater ist im Kriege,
deine Mutter ist in Engelland,
Engelland ist abgebrannt.

Illustration aus dem Buch: Für Mutter und Kind. Alte Reime. mit neuen Bildern von Paul Thumann. 2. Auflage. München, Theodor Stroefer’s Kunstverlag (1881)

„Maikäfer flieg“ ist somit ein Lied, was den Kindern erklären sollte, wo die Eltern sind und warum sie nicht zurück kommen werden. Ein Lied, was so kein Kind beruhigen könnte und eher verstörend und beängstigend ist.

Quellen:

Post aus der Hölle auf Erden – Der Junius-Brief

Im 17. Jahrhundert wütete die Hexenverfolgung in Bamberg. In Bamberg sterben in der Verfolgungswelle bis 1632 etwa 1.000 vermeintliche Hexen und Hexer. Das ist fast jeder zehnte Bewohner. Es kann davon ausgegangen werden, dass darunter circa 25% Männer waren. Es gab ein eigens erbautes Hexenhaus, wo ein extra dafür angestellter Scharfrichter die angeblichen Teufelsanbeter folterte. Drei Hexenkommissare begutachteten die Gefolterten und notierten deren Aussagen.

In Bamberg war niemand vor der Folter und dem Tod auf dem Scheiterhaufen sicher. Eifersüchtige Nachbarn, abgelehnte Verehrer oder Neider, welche es auf das politische Amt einer Person oder deren Geld abgesehen hatten, denunzierten unschuldige Menschen, um sich zu rächen oder zu bereichern.

Ein Brief aus der Hölle auf Erden

Die Aufzeichnungen von der Folter sind natürlich einseitig – nur die Hexenkommissare beschrieben die Situation. Doch es gelang dem damaligen -als Hexer angeklagten- Bamberger Bürgermeister Johannes Junius einen Brief heimlich aus der Gefangenschaft an seine Tochter zu schicken, während er mehrere Tage lang gefoltert wurde.

Schon seine Frau wurde vorher gefoltert und als Hexe verurteilt. Im Juni 1628 wird auch er des Verdachts bezichtigt, mit dem Teufel im Bunde zu sein. Nach sechs Tagen der Folter ist Junius Widerstand gebrochen. Er gesteht ein Hexer zu sein. Junius wird weiter gefoltert, bis er Namen von anderen angeblichen Hexen und Hexern nennt.

Im Juli schreibt Junius heimlich einen Brief an seine Tochter. Höchstwahrscheinlich hat der Brief jedoch nie seine Tochter erreicht, dennoch ist er erhalten geblieben. So kann sich die Nachwelt ein Bild der schrecklichen Ereignisse aus dem Folterkeller machen.

Der Junius-Brief

An dem Brief hat Junius mehrere Tage geschrieben, da er aufgrund der Folter seine Hände nicht gut benutzen konnte. Der Brief ist aber dennoch sehr lang. Wir stellen euch den Brief deswegen in Auszügen dar und haben ihn in Abschnitte gegliedert.

Ausschnitt des Junius-Briefes von 1628 – Quelle: Staatsbibliothek Bamberg

Keine Chance auf einen positiven Ausgang

Bamberg 1628
Hunderttausendmal gute Nacht, herzliebe Tochter Veronika! Unschuldig bin ich in das Gefängnis gekommen, unschuldig bin ich gefoltert worden, unschuldig muss ich sterben. Denn wer in dieses Haus kommt, der muss ein Hexer werden, oder er wird so lange gefoltert, bis er etwas erdichten muss und sich erst, Gott erbarme es, etwas ausdenken muss. […]
ich sollte es freiwillig bekennen oder der Henker würde mich wohl zwingen. Ich gab zur Antwort, ich habe Gott niemals verleugnet, und ich werde es auch nicht tun. Gott solle mich auch gnädig davor behüten. Ich wollte eher alles ausstehen, was ich sollte.

Die Folter beginnt

Hierauf kam leider, Gott erbarme es im höchsten Himmel, der Henker und hat mir den Daumenstock angelegt und beide Hände zusammengebunden, bis das Blut zu den Nägeln und überall sonst heraus drang, so dass ich die Hände 4 Wochen nicht habe gebrauchen können, wie du es aus dem Schreiben ersehen kannst. […] Danach hat man mich erst aufgezogen, die Schmerzen lindern, Hände auf den Rücken gebunden und mich in der Folter in die Höhe gezogen. Da dachte ich, Himmel und Erde gingen unter. Sie haben mich auf diese Weise sechs Mal aufgezogen und wieder fallen lassen, so dass ich einen unseligen Schmerz empfand. Und dies ist alles splitternackt geschehen, denn sie haben mich splitternackt ausziehen lassen. Als mir nun unser Herrgott geholfen hat, habe ich zu ihnen gesagt, verzeihe Euch Gott, dass Ihr einen ehrlichen Mann so unschuldig quält. Ihr wollt ihn nicht allein um Leib und Seele, sondern auch um Hab und Gut bringen. […] Nur wenn es so zugeht, dann wird kein ehrlicher Mann in Bamberg sicher sein, Ihr genausowenig wie ich oder irgendein anderer. […] Ich habe mich die ganze Zeit über weder anziehen noch die Hände gebrauchen können, ganz abgesehen von den anderen Schmerzen, die ich ganz unschuldig erleiden muss.

Henkers Rat

Als nun der Henker mich wieder in das Gefängnis führte, sagte er zu mir: Herr, ich bitte Euch, um Gottes willen, bekennt etwas, sei es nun wahr oder nicht! Denkt Euch etwas aus, denn Ihr könnt die Marter nicht ausstehen, die man Euch antut. Und wenn Ihr sie auch alle aussteht, so kommt Ihr doch nicht frei, selbst wenn Ihr ein Graf wäret, sondern es folgt eine Folter auf die andere, bis Ihr sagt, Ihr seid ein Hexer, und bis Ihr etwas bekennt. Erst dann lässt man Euch zufrieden,
[…] Sie hätten die Henker schon zusammengerufen und wollten mich wieder peinigen. Er bitte auch, um Gotteswillen, ich sollte mir etwas ausdenken, denn selbst wenn ich ganz unschuldig wäre, so käme ich doch nicht wieder frei. […] So habe ich [darum] gebeten, weil es mir sehr schlecht ginge, sollte man mir einen Tag Bedenkzeit geben und einen Priester. Der Priester wurde mir abgeschlagen, aber die Zeit, mich zu bedenken, wurde mir gegeben.

Zum Lügen erzählen gezwungen

Nun, herzliebe Tochter, was meinst du, in was für einer Gefahr ich gestanden habe und [noch] stehe. Ich sollte sagen, ich sei ein Hexer und bin es nicht! Ich soll Gott erst verleugnen, ich habe es zuvor nicht getan. Ich habe Tag und Nacht sehr mit mir gerungen, schließlich kam mir in der Nacht im Gebet die Eingebung, ich sollte unbekümmert sein. Da ich keinen Priester habe [bekommen] können, mit dem ich mich beraten konnte, sollte ich mir etwas ausdenken und es einfach sagen. […] Und dies ist meine Aussage, wie folgt, sie ist aber gänzlich erlogen. Nun folgt, herzliebes Kind, was ich ausgesagt habe, wodurch ich der großen Marter und der harten Folter entgangen bin, welche ich unmöglich länger hätte ausstehen können. […] Alles, was jetzt folgt, ist meine Aussage, mit lauter Lügen, die ich angesichts der drohenden großen Folter machen musste und worauf ich sterben muss.

Junius erlogene Aussage

Nach dieser Aussage sei ich auf mein Feld beim Friedrichsbrunnen gegangen, [und] ganz bekümmert habe ich mich dort niedergesetzt. Da sei eine Grasmagd zu mir gekommen und habe gesagt: Herr, was macht Ihr? Warum seid Ihr so traurig? Ich habe darauf gesagt, ich wüsste es nicht. Also hat sie sich näher an mich herangemacht und hat mich dahin gebracht, dass ich bei ihr gelegen hätte [Anmerkung: bei ihr gelegen habe = Sex]. Sobald dieses geschehen ist, ist sie zu einem Geißbock geworden und hat zu mir gesagt: Siehe, jetzt siehst du, mit wem du es zu tun hast. Sie hätte mir an die Gurgel gegriffen und gesagt: Du musst mein sein oder ich will dich umbringen! Da hätte ich gesagt: Behüte mich Gott davor! Da ist er verschwunden und bald wiedergekommen und hat zwei Frauen und zwei Männer mitgebracht. Ich sollte Gott verleugnen, also hätte ich es getan und Gott und das himmlische Heer verleugnet. Daraufhin hätte er mich getauft, und die zwei Frauen wären die Taufpaten gewesen. […]

Zwang andere zu denunzieren

Nun vermeinte ich, ich hätte es überstanden, da stellte man mir erst den Henker zur Seite. Wo ich auf den Tänzen gewesen wäre? Da wusste ich weder ein noch aus und besann mich, dass der Kanzler und sein Sohn und die Hopfen-Else die alte Hofhaltung, die Ratsstube und das Hauptsmoor genannt hätten – und was ich sonst noch bei den Urteilen verlesen gehört habe, diese Orte nannte ich auch. Danach sollte ich sagen, was ich für Leute dort gesehen hätte. Ich sagte, ich hätte sie nicht gekannt. Du alter Schelm, ich muss dir den Henker auf den Hals jagen! Rede weiter!
Ist der Kanzler nicht da gewesen? Da sagte ich ja.
Wer noch? Ich hätte niemanden gekannt. Da sagte er: Nimm dir eine Gasse nach der anderen vor, geh zuerst den Markt hinauf und wieder hinunter. Und somit habe ich etliche
Personen nennen müssen. Danach folgte die Lange Gasse. Ich wusste niemanden, ich habe dennoch 1 Person von dort nennen müssen, danach für den Zinkenwörth auch eine Person. Danach von der Oberen Brücke bis zum Bergtor auf beiden Seiten. Da wusste ich auch niemanden. Ob ich niemanden in der Burg wüsste, es sei egal wer, ich sollte ihn ohne Scheu nennen. Und so haben sie mich weiter nach allen Gassen befragt, doch habe ich nichts mehr sagen wollen noch können. Da haben sie mich dem Henker übergeben, der sollte
mich ausziehen, mir die Haare abschneiden und mich auf die Folter ziehen. […] Danach
sollte ich sagen, was ich für Übel gestiftet habe. Ich sagte nichts, [der Teufel] hat es wohl von mir verlangt, aber da ich es nicht tun wollte, hat er mich geschlagen. Zieht den Schelm auf! Da habe ich gesagt, ich hätte meine Kinder umbringen sollen, daher hätte ich stattdessen ein Pferd umgebracht.  […]

Vor der Folter ist niemand sicher

Nun, herzliebes Kind, da hast du alle meine Aussagen und ihren Verlauf, auf die ich sterben muss. Und es sind lauter Lügen und erfundene Sachen, so wahr mir Gott helfe. […] Denn sie lassen mit dem Foltern nicht nach, bis man etwas sagt. Man kann so fromm sein, wie man will, man wird doch zum Hexer. Es kommt auch niemand frei, selbst wenn er ein Graf wäre, und wenn Gott kein Mittel schickt, so dass die Wahrheit an den Tag kommt, wird die ganze Familie verbrannt.
Denn es muss ein jeder Leute denunzieren, wenn man auch nichts von jemandem
weiß, so wie ich es tun musste. […]

Angst um seine Tochter

Herzliebes Kind, ich weiß, dass du so fromm bist wie ich. Dennoch wurdest du schon etliche Male besagt [Anmerkung: besagt = als Hexerin denunziert], und wenn ich dir einen Rat geben soll, so solltest du dem , was du an Geld und Briefen hast, nehmen, und dich etwa ein halbes Jahr auf eine Wallfahrt begeben […].
Das rate ich dir, bis man sieht, worauf es hinausläuft. Denn so mancher ehrliche Mann und manche ehrliche Frau geht in Bamberg in die Kirche und zu seinen anderen Geschäften. Er weiß nichts Böses [und] hat ein gutes Gewissen, genau wie ich bisher, wie du weißt, bis
zu meiner Gefangennahme. […] Liebes Kind, dieses Schreiben halte verborgen, damit es nicht unter die Leute kommt, sonst werde ich dermaßen gefoltert, dass es zum Erbarmen ist, und die Wächter würden geköpft, so sehr ist es verboten. […]

Sterbegruß – Tausendmal gute Nacht

Ich habe etliche Tage an diesem Schreiben geschrieben, es sind meine Hände ganz
lahm, ich bin halt gar übel zugerichtet. Ich bitte dich um des Jüngsten Gerichts willen, halte das Schreiben in guter Obhut und bete für mich als deinen Vater, für einen wahren Märtyrer. Nach meinem Tod tue, was du willst, doch hüte dich, dass du das Schreiben nicht bekannt machst. […] Du darfst [getrost] darauf schwören, dass ich kein Hexer, sondern ein Märtyrer bin, der hiermit stirbt. Tausendmal gute Nacht, denn dein Vater Johannes Junius sieht dich nimmermehr.

24. Juli 1628

Tod auf dem Scheiterhaufen

Am 6. August 1628 wurde Johannes Junius auf dem Scheiterhaufen hingerichtet.

Kupferstich einer Folter bei der Hexenverfolgung in Bamberg ©Stadt Bamberg

Quellen:

Mord und Pest für den Kirchenbau

Im sächsischen Görlitz gibt es seit Mitte des 14. Jahrhunderts die Kirche Unserer Lieben Frauen, welche später in Frauenkirche umbenannt wurde. Möglicherweise hätte es diese Kirche nie gegeben, wären nicht Mörder und die Pest zu Hilfe gekommen.

Ansicht der Stadt Görlitz von Osten, 1575

Die Görlitzer Fehde

Im Jahr 1349 war der Freiherr Friedrich von Bieberstein (andere Schreibweise auch Biberstein), der zu den mächtigsten Herren im Königreich Böhmen gehörte, in eine Fehde mit der Stadt Görlitz verwickelt. Die Fehde entstand, weil ein Vasall Friedrichs, namens Nitsche von Rackwitz, plündernd in Görlitz einfiel. Die Görlitzer entsandten daher eine Delegation zu Friedrich von Bieberstein, der sich damals in seinem Schloss zu Tauchritz, nahe Görlitz befand. Da Friedrich sich der Forderung auf Auslieferung des Nitsche verschloss, beschlossen die Görlitzer selbst zu handeln. Sie ritten mit einer bewaffneten Mannschaft zum Schloss Friedland (heute Schloss Frýdlant in der Stadt Frýdlant v Čechách in Tschechien), in der sich der von Rackwitz aufhielt und drangen in die Burg ein, um diesen gefangen zu nehmen. Friedrich, der ahnte, was sie vorhatten, ritt selbst mit einer Mannschaft nach Friedland, überraschte die bewaffneten Görlitzer in der Burg und befahl wütend, sie als feindliche Eindringlinge zu erschlagen. Zwei Görlitzer verloren in den beginnenden Kampf ihr Leben. Die übrigen ergriffen die Flucht, wobei sieben Görlitzer eingeholt und getötet wurden.

Wappen der Familie Bieberstein – das Geschlecht erlosch 1667

Sühnegeld fördert den Kirchenaufbau

Viele Verhandlungen waren notwendig, damit es zum Frieden zwischen Friedrich von Bieberstein und den Görlitzer kam. Friedrich von Bieberstein erklärte sich bereit 200 Schock Groschen Sühnegeld zu zahlen. So konnte für die Verstorbenen eine Kirche errichtet werden. Dies war die Kirche Unserer Lieben Frauen in Görlitz.

Die Pest hilft die Kirche fertig zu bauen

Zu der Vollendung der Kirche war das Sühnegeld lange nicht hinreichend. Ein neues Unglück kam einige Zeit später hinzu und förderte die Fertigstellung: Die Pest. Viele Görlitzer spendeten in ihrer Not Geld für die Kirche. Die Kirche konnte so nicht nur fertig gestellt werden, sondern wurde auch mit Altären versehen. Außerdem konnte eine Geistlichkeit davon bezahlt werden.

Foto von Frank Vincentz, 2010, CC BY-SA 3.0

Gedicht über die Toten

Folgendes Gedicht befindet sich im Archiv des Evangelischen Kirchenkreisverbandes Schlesische Oberlausitz im Nachlass des Sup. Karl Langer. Der Verfasser des Gedichtes, sowie das Jahr sind unbekannt.

Frauenkirche

Dreizehn-viervierzig anno domini,
die mächtige Stadt, da wurde sie
in eine Fehde verwickelt, nicht klein,
mit Friedrich I. von Biberstein.
Die Stadt verfolgt einen seiner Vasallen,
der ihr als Friedensstären mißfallen
bis zu dem Schloß nach Friedland hin.
Doch war der Biberstein drin,
und sieben Görlitzer wurden erschlagen.
Da tat nun der Rat gegen Biberstein klagen.
Nicht lange währt es, da wurde entschieden:
Der Biberstein zahlt, dann wird erst Frieden.
An Silbergroschen zweihundert Schock
zahlt er, man nimmt sie als Gründungsstock,
um vor dem Tore aufzubauen
die Kirche „Unserer Lieben Fraue“.

Quellen: